freiTEXT | S. H. Schild

Der Werkeks

Langsam verblasste die Sonne hinter der zackigen, schwarzen Silhouette der Bergkette. Letzte orange Strahlen klammerten sich an das Massiv, drängten sich dahinter hervor, um noch einige Sekunden länger ihre Wärme in das Tal hinab zu werfen. Die Dunkelheit rückte näher heran, legte sich schwer auf das Licht und überschattete es bis es nichts weiter war als ein Glanz in der Ferne. Für einen kurzen Moment spiegelte es sich noch in den Schneekuppen des Gipfels, sodass die Bergkette feuerrot in der Schwärze des Nachthimmels aufflammte. Dann verschwamm die Dunkelheit, zog sich über sie und nahm jegliche Form aus der Welt.

Stein schlug auf Stein.

Immer wieder schnalzte das harte, zischende Geräusch auf. Funken stoben, erhellten für den Bruchteil einer Sekunde die Schwärze und spiegelte sich in drei Augenpaaren, die sich um das Lager versammelt hatten. Ihr kalter, weißer Atem hing in kleinen Wolken zwischen ihnen. Dima rieb sich die bloßen Hände und schreckte hoch, als ein Ast hinter ihm knackte. Sein Atem stockte, die Funken bissen sich in das Holz und ein schwacher Schein erhellte plötzlich seine Sicht. Kahlgefressene Bäume drangen aus der Dunkelheit hervor. Eine dicke, weiße Schneedecke verlor sich zwischen den Stämmen, ihre ebenmäßige, reine Oberfläche durch einzelne Spuren zerstört. Die Flammen wurden stärker, ließen das Holz flackern und warfen zuckende Schemen über die glänzenden Schneekristalle.

Wieder knackte es. Dimas Kopf fuhr herum. Eine Gänsehaut rannte über seinen Rücken, die nichts mit der Kälte zu tun hatte, die in seinen Kleidern saß. Immer schneller stoben die Wolken seines Atems durch die eisige Luft und vernebelten seinen Blick.

„Wir sind hier sicher, Dima“, hob sich Viktors tiefe Stimme über das Knacken des Feuers. Jost bewegte sich und seine Kleidung raschelte leise neben ihm.

„Die Wälder hier sind sicher“, kam auch seine grummelnde Zustimmung. „Wir haben nichts zu befürchten.“

Dima riss seinen Blick aus der gähnenden Dunkelheit los, die sich um sie erstreckte und stellte den Kragen seines Mantels auf, als könnte er sich dadurch vor den Gefahren schützen, die dort hinter ihm lauerten. Er umschlang mit den Armen seine Knie, zog sie fest an sich heran und starrte in die tanzenden Flammen, deren Wärme bereits die Kälte in seiner Nase wegschmolz.

Schneeflocken fielen durch die nackten Baumkronen zu ihnen herab, bedeckten sie, dämpften ihre Geräusche und hüllten sie in ihrer Stille ein. Wie Statuen verharrten sie am Feuer, starrten in die hellen Flammen und verloren sich in den Bildern, die sie dort sahen. Er bemerkte die klare, blau leuchtende Scheibe nicht, die über ihnen am Himmel erschien. Nackte Äste durchzogen die kalte Oberfläche wie schwarze Adern.

Irgendwo schrie eine Eule.

Nicht nur einmal knackte ein Ast jenseits der Dunkelheit.

Dima verkroch sich immer tiefer in die Weiten seines Mantels und ignorierte den Drang, sich umdrehen zu müssen. Die Welle der Kälte rollte über ihn hinweg, schwappte über seinen Rücken, umklammerte seinen Hals und kämpfte gegen die Wärme. Mit beinahe unmerklichen Bewegungen robbte er weiter an die Flammen heran. Das Feuer leckte gefährlich nahe an seinen Beinen, doch er spürte die Wärme nicht.

Erst als er das raschelnde Geräusch von Papier neben sich hörte, erwachte Dima aus seiner Starre und blickte mit suchenden Augen auf. Viktor kramte in seiner Tasche, produzierte ein braunes Päckchen daraus hervor und öffnete es mit steifen Fingern. Als er Dimas Blick bemerkte, schenkte er ihm ein leichtes Lächeln und bot ihm das Päckchen mit einer auffordernden, stillen Bewegung an. Dima reagierte verspätet, erwiderte schnell das Lächeln, doch er machte keine Anstalten, das Päckchen an sich zu nehmen. Stattdessen griff er selbst in die Tiefen seines Mantels, stieß auf die glatte, kalte Oberfläche der Box darin und zog sie hervor.

Viktors Lächeln verschwand. Seine Lippen formten eine harte Linie. Ein Schatten huschte über sein Gesicht und sein Blick flackerte alarmiert zu Jost.

„Was ist das?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme, mit erzwungener Ruhe. Er hatte das Päckchen achtlos in den Schnee fallen lassen. Jost richtete sich ruhig auf, drehte sich um und ließ seinen dunklen Blick durch den Wald schweifen.

Plötzlich verunsichert, drehte Dima die Box in seinen Händen, strich mit seinen Fingern unschlüssig darüber. Er brach den Blickkontakt ab, besah sich die Box in seinen Händen noch einmal genauer, als würde erst in diesem Moment in ihm der Gedanke nach ihrer Sinnhaftigkeit aufkommen.

„Sind das –“, stockte Viktor und noch einmal flackerte etwas in seinem Blick. „Sind das –“, brach er noch einmal ab. Seine Zunge zuckte über die Lippen als er sichtlich mit dem Wort rang. „Sind das… Kekse?“

Josts Kopf schnellte bei dem Wort zu ihnen und eine plötzliche Nervosität ergriff Besitz von ihm. Immer schneller wandte er sich um, doch eine Bewegung ließ ihn für einige Sekunden innehalten. Mit dem Kopf im Nacken starrte er in den Himmel hinauf und blankes Entsetzen ergoss sich über sein Gesicht, als er dem kalten Schein des Mondes entgegenblickte.

Mit einem Satz war er auf den Beinen, begann auf das Feuer einzutreten und mit wilden Bewegungen Schnee darauf zu schaufeln. Im gleichen Moment sprang auch Viktor auf, packte seine Tasche und bückte sich noch einmal, um mit fahrigem Arm das Päckchen an sich zu reißen.

Dima schreckte vor den beiden zurück, spürte ihre Panik, die blanke Angst. Schnell stieß er sich vom Boden ab, stolperte einige Schritte durch den Schnee, klammerte sich an der Box fest. Mit weit aufgerissenen Augen warf nun auch er einen Blick zum Mond.

Etwas Leises knirschte hinter ihnen.

Eine schmerzhafte Gänsehaut rann seinen Rücken hinab, als er an seinen Ursprung dachte.

„Was ist los?“, keuchte er mit leiser, gehetzter Stimme. Jost schaufelte eine letzte Handvoll Schnee auf das Lager, erstickte die kleinen Flammen und somit auch das Licht. Plötzliche Dunkelheit brach über sie herein.

„Was ist los?“, fragte Dima noch einmal, dieses Mal panischer. Langsam fiel der blaue Schein des Mondes zu ihnen herab, erhellte die weißen, kahlen Baumstämme und die glitzernde Schneedecke.

Als hätte ihn Viktor erst jetzt bemerkt, starrte er ihn an, machte einen Satz auf ihn zu und griff mit wildem Blick nach der Box in seinen Händen. Dima wehrte sich nicht, ganz im Gegenteil drückte er ihm den Behälter beinahe schon entgegen. Ohne einen weiteren Augenblick zu verschwenden, riss Viktor den Deckel ab und sog scharf die Luft ein, als ihm der köstliche Duft von Erdnüssen und Schokolade entgegenschlug.

„Erdnüsse und Schokolade“, verpackte er seine Geruchswahrnehmung in Wörter.

Hinter ihnen knackte es wieder. Etwas Schweres zog sich über den Schnee, der unter der Last knirschend zusammensackte.

Jost hatte es auch gehört, denn er drehte sich blitzschnell um die eigene Achse. Sein Atem ging keuchend schnell. Ein hoher, verzweifelter Laut brach sich aus seiner Kehle los.

„Sie kommen“, hauchte er und begann auf der Stelle zu springen. „Wir müssen los!“

„Was ist passiert?“, wagte Dima noch einmal den Versuch, doch das Knirschen kam immer näher. Viktor warf die Box mit einer kräftigen Bewegung in die Dunkelheit des Waldes, packte aus dem Schwung heraus noch Dimas Hand und zerrte ihn mit sich, als er zu laufen begann. „Was ist los?!“

„Wer nimmt Kekse in den Wald mit?!“, kreischte Jost neben ihnen, seine zu hohe Stimme mit Panik verfremdet. „Man nimmt keine Kekse mit in den Wald!“

Ein tiefes Knacken vor ihnen schnitt ihnen den Weg ab. Schlitternd kamen sie zum Stehen. Ihr keuchender Atem hing wie Rauchschwaden in der Luft. Jost drehte sich im Kreis, visierte immer wieder eine neue Richtung an, schreckte im gleichen Moment jedoch wieder davor zurück, als er ein weiteres Knirschen hörte.

„Verdammt, verdammt, verdammt“, drang die Verzweiflung zwischen Atemzügen aus ihm hervor. „Wer nimmt Kekse mit in den Wald?!“

Grelle Augenpaare öffneten sich in der Schwärze zwischen den Bäumen. Das Knirschen nahm zu, der Schnee arbeitete unter der Last. Mit jeder weiteren Sekunde näherten sich die Geräusche, schlossen sie in sich ein. Die Dunkelheit griff nach ihnen, verschlang Jost und riss ihn mit sich. Sein panischer Schrei wurde von einem lauten Knistern und Knacken verzehrt. Viktor jammerte auf, stieß Dima aus dem Weg und stürzte sich selbst in die Dunkelheit. Dima kam im Schnee zum Liegen, kroch auf allen Vieren durch die beißende Kälte.

Seine Hand prallte gegen etwas Hartes. Der Geruch von Erdnüssen wehte zu ihm heran, begleitet von einem tiefen Grollen. Etwas Kantiges traf seinen Arm und kam in einer Falte des Mantels zum Liegen. Er griff danach als er weiterrobbte, sich zwischen zwei duftenden, runden Körpern hindurchquetschte und gegen den Schnee trat bis er sich in vollem Lauf wiederfand. Als er seine Hand öffnete war sie braun von geschmolzener Schokolade.

Er hörte lange nicht auf, zu rennen.

Immer noch hallten die Schreie der anderen in seinem Kopf wieder.

Denn man nimmt keine Kekse mit in den Wald.

S. H. Schild

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