freiTEXT | Kai Gutacker

Der harte Kern

Der harte Kern also, wir vier; immer wir vier, in den Bars, lange nach Sonnenaufgang, mit ein paar letzten Drinks, Tequila oder Jägermeister, und bis auf Hendrik alle mit blauen Gauloises zwischen den Fingern; wir, die noch nicht gehen wollen, auch, wenn die Nacht bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt wurde und sie nichts mehr hergibt, alles nur noch Trägheit ist, die Betrunkenen um uns sich verzogen haben, gerade kurz bevor sich die Straßen mit frischen, ausgeschlafenen Menschen bevölkern, das ist unsere Zeit. Wir vier, allesamt single, drei Jungs und eine wunderschöne Frau, die wir flankieren und die insgeheim unser aller Träume streift, die wir aber lange als Unseresgleichen akzeptiert haben. und mit der also nie etwas geschehen könnte, das nicht freundschaftlich wäre. Wir in den nächtlichen Straßen oder wir tagsüber im Laden, niemand hat einen besseren Geschmack in Fragen der Eleganz, wir vier, die wir uns darin bestätigen, wie wir leben, dass man auch als Heutiger wissen darf, ob man zwei oder drei Jackettknöpfe bevorzugt und wie man sein Revers trägt, ob man Windsorknoten binden können oder sich bei Swingmusik auskennen müsste, wir, die wir das alles bejahen, und die wir unseren Plänen nachgehen, unser Stück von der Welt zu erobern. Jeder auf seine Weise, Benjamin in seiner Kanzlei, tatsächlich das Kind der Freude, das er seinem Namen nach ist, mit rotblondem Haar und eleganten Gesten, dem alles zufällt, maximal fünf Jahre noch, dann wird er genug für drei verdienen und sich irgendwo ein Apartment kaufen. Oder Hendrik, der immer etwas ernst ist und verschlossen – er ist Getränketechniker und erzählt, wenn er einmal etwas erzählt, meist davon. Und natürlich Alexandra, über die sich so vieles sagen ließe. Sie ist hinreißend, aber das erwähnte ich ja schon. Also, unser Vierergespann, wir alle kommen aus den verschiedensten Teilen des Landes und haben uns hier gefunden, vor gut fünf Jahren, einer nach dem anderen. Wie wichtig wir uns gegenseitig geworden sind, in einer Stadt, die einem immer Neues bietet und fordert, die mal Artemis, mal Demeter und immer Janus ist, hier, an diesem Ort, weiß ich, diese vier bleiben, und es wird sein wie immer, wenn Hendrik über blaue Gauloises mault und sie für ganz ungenießbar erklärt – was wir doch für Barbaren seien – oder Alexandra, auf dem Sessel quer zwischen Armlehne und Armlehne hingefläzt die Beine in die Luft hängen lässt und einen Witz macht. Wenn wir Benjamin diagnostizieren, wie sehr sein Geschmack, der sonst so tadellos wäre, gerade bei Frauen so oft versagt und wir seine Exfreundinnen in der Luft zerreißen, wie Alexandra einen Schluck Wein trinkt, in die Männerthemen einsteigt und ihnen vorangeht, jetzt auf einmal von Deepthroat-Pornos spricht, wenn wir bei mir sind und Hendrik zu kochen anfängt, denn das kann er als einziger von uns, und deswegen an uns herumnörgelt. Selten vergeht ein Wochenende, an dem ich nicht zumindest einen von ihnen sehe, und neue Insider entstehen. Wenn ich bei anderen Freunden bin, fallen mir diese Insider wieder ein, ich fühle mich dann jedes Mal fremd, bei wem auch immer ich gerade bin – solange niemand vom harten Kern dabei ist. Und es kommt vor, dass ich sitze und denke, wenn es schon spät ist, wir getrunken haben und Alexandra ganz nah bei mir sitzt, dass ich Glück hatte, sie als Freundin gefunden zu haben, nicht als Geliebte, trotz allem, was sie so begehrenswert macht, dass ich ihr als Mensch näher bin als jeder, mit dem sie geschlafen hat oder einmal schlafen wird. Was sind schon ein paar Träume dagegen – und von wem träumt man nicht alles? Mit den Träumen ist es wie wenn einer die Arme verschränkt – das kann bedeuten, dass er sich unwohl fühlt, zurückziehen will, aber es kann eben auch gar nichts bedeuten. Man weiß das nie. Und so kann es doch auch sein, wenn ich von Alexandra träume. Dass es eigentlich gar nichts ist, ein zufälliges Spiel von Hormonen und elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen. Vielleicht, wenn sie auf mich zuginge, ihren Körper an meinen drücken und mir einen Kuss geben würde. Dann wäre alles anders, aber so ist es ja nicht. Und wir alle wissen, dass es sich nicht ändern wird, daran ist kein Zweifel. Dass es Momente gibt, wo wir ihr nachsehen – wir alle tun das – es hat nichts zu bedeuten. Wenn sie käme, mir Flüsterworte ins Ohr sagte. Ob ich dann meine Freundschaft zu Hendrik und Benjamin gefährden würde? Vielleicht. Obwohl das mit Sicherheit eine der schlechtesten Entscheidungen wäre, die ich nur jemals treffen könnte. Deshalb bin ich glücklich, dass wir nur Freunde sind. Vielleicht finde ich eine andere, die so bezaubernd ist wie sie. Wir alle müssen das irgendwann, Alexandra wird jemand finden, der gut für sie ist. Solange es nur niemand von den Jungs ist. Manchmal frage ich mich, wer von den beiden die Freundschaft zu uns gefährden würde, um sie zu bekommen. Wir alle träumen von ihr. Aber dann denke ich, dass das alles ja nicht von Bedeutung ist.

Es ist gut, dass die Dinge so stehen; von Insider zu Insider, während wir über unsere Pläne brüten, nehmen wir  die Nächte und teilen sie untereinander auf, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt, trinken bis morgens und rauchen blaue Gauloises – bis auf Hendrik, der die ja nicht ausstehen kann.

Kai Gutacker

mehr vom Autor

freiTEXT ist wöchentliche Kurzprosa. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? schreib@mosaikzeitschrift.at

<< mehr Prosa | mehr Lyrik >>

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.