Nachklang

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Die meisten Kinder sind mit Märchen großgeworden. Cinderella, Dornröschen und Rumpelstilzchen saßen auf ihren Bettkanten und haben ihre Geschichten in die Köpfe der kleinen Jungen und Mädchen gewoben.

Mein Kindheit war bestimmt von Kurt Cobain, Eddie Vedder und Chris Cornell. Anstatt mir aus Märchenbüchern vorzulesen, saß mein Vater abends an meinem Bett und hat mir die Geschichten der großen Rockmusiker erzählt. Der Start ihrer Karrieren, der Einfluss auf die Menschen und bei einigen auch von ihrem Niedergang. Ich kenne alle Alben von Nirvana, Mother Love Bone, Soundgarden, Pearl Jam, Temple of the Dog. Ich kenne die Geschichten zu den Lieder und die persönlichen Geschichten, die mein Vater mit ihnen verbindet. Wie er meine Mutter auf einem Pearl-Jam-Konzert kennengelernt hat, wie er versucht hat in einem Jahr jeden Auftritt von Soundgarden zu besuchen. Mein Vater liebt die Musik. Er liebt sie in einem Maße, wie ich es bei keinem anderen Menschen erlebt habe.

Vielleicht nicht einmal bei mir selbst.

Die meisten Menschen verstehen mein Verhältnis zur Musik nicht. Sie haben sie irgendwie in ihr Leben eingebaut. Als Begleitung zum Autofahren, als Hintergrundmusik bei der Arbeit. Sie können aber nicht verstehen, wie sehr es schmerzen kann, wenn die Musik nicht da ist, wie sich die Seele zusammenzieht, wenn die Musik zwischen zwei Liedern verstummt. Ich sehe meine Welt immer in Musik, meine Welt besteht immer aus Tönen. Selbst die größten Musikfans, die mir begegnet sind, sind an irgendeinem Punkt ausgestiegen, selbst ihnen war das irgendwann zu viel.

Manchmal kann Musik sehr einsam machen.

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Die Wohnungstür fällt ins Schloss, ich höre die Schritte, dann steht meine Schwester im Wohnzimmer. Felicia und ich sind zusammengezogen, als sie mit ihrem Studium begonnen hat. Das war ein Jahr nach mir.

„Hey, alles klar?“ Sie streift ihre Tasche ab und wirft sie in die Ecke.

Ich grinse sie an. „Ich habe heute die Zusage bekommen, dass ich bei Music-In anfangen kann.“ Music-In ist ein Musiklabel in Portland in Oregon, bei dem ich mich vor einigen Monaten um einen Job beworben habe.

„Geil. Das ist super“, Felicia kommt rüber und umarmt mich. „Hast du es schon Mama und Papa gesagt?“

„Ja. Die kochen Sonntag für uns.“ Ich rolle die Augen. Wenn es in unserer Familie irgendetwas zu feiern gibt, kochen meine Eltern immer gemeinsam.

Felicia grinst, kickt ihre Schuhe unter den Couchtisch und lässt sich neben mich auf das Sofa fallen. „Du wirst mir fehlen.“ Eigentlich ist meine Schwester selten sentimental.

„Ach, du kannst jederzeit zu Besuch kommen und wir telefonieren und schreiben.“

„Du weißt, dass das nicht dasselbe ist.“

Ich nicke und lasse meine Gedanken einige Momente streifen.

„Eigentlich werde ich nur euch drei vermissen. Mama, Papa und dich“, sage ich schließlich.

„Dann hat deine Unfähigkeit zu tiefen Bindungen zumindest etwas Gutes“, spöttelt Felicia.

Ich denke an die Menschen, die durch mein Leben gestolpert sind. Viele sind verschwommene Punkte, von denen ich nicht mal mehr den Namen kenne. Einige stechen hervor, nur wenige sind klar im Detail zu erkennen.

„Erinnerst du dich noch an Meike? Meine Freundin aus der Grundschule?“, frage ich.

„Das war die mit diesen mega Locken, oder?“

Ich nicke. „Und dieser Besessenheit von Rolf Zuckowski.“

Felicia lacht. „Ich erinnere mich, wie sie mit einem Koffer voller Kassetten und ihrem Kassettenrekorder vor unserer Tür stand und du vollkommen irritiert davon warst. Du kanntest keine Kassetten, Papa hatte ja alles nur auf Vinyl.“

„Bis zu diesem Zeitpunkt hat Musik zwischen Meike und mir keine Rolle gespielt. Für uns alleine schon, aber nicht als eine gemeinsame Sache. Wenn wir zusammen waren, haben wir uns immer mit anderen Dingen beschäftigt.“

Das war zu der Zeit, als ich mit meinem Vater zusammen seine Platten gehört habe. Wir saßen jeden Sonntagmorgen in seinem Musikzimmer und haben erst die neuen Platten, die er sich in der Woche davor gekauft hatte und dann eine alte, die ich mir aussuchen durfte, angehört. Das erste Hören einer neuen Platte folgte immer einem genauen Muster: Mein Vater setzte sich in seinen Sessel, blickte über die Regale voller Platten, ließ seinen Blick über die bunten Rücken gleiten, bis er schließlich auf die neue vor sich fiel. Dann strich er vorsichtig an allen vier Seiten entlang und öffnete die Hülle. Langsam zog er die Platte heraus, legte sie auf den Teller und setzte die Nadel auf die Oberfläche. Kurz bevor sie die schwarze Scheibe berührte, hat er immer hoch geschaut und gesagt: „Pass jetzt auf, Laura. Die ersten Töne sind die wichtigen. In den ersten Tönen entscheidet sich dein Weg in diese Musik.“ Ich wurde dann immer ganz still und faltete die Hände in meinem Schoß auf meinem Platz auf dem Boden neben dem Plattenspieler. Gespannt habe ich auf die ersten Klänge gewartet, habe kurz den Atem angehalten, weil ich Angst hatte, die Geräusche des Luftholens würden die Töne überdecken. Dann: Das stille Knistern der Vinylplatte, das in die Musik übergeht. Es war jedes Mal ein anderes Erlebnis.

Bei den alten Platten war es anders. Ich habe sie nach den Coverbildern ausgewählt, bis ich später angefangen habe, anhand der Musik, die mir wirklich gefällt, auszusuchen. Mein Vater hat jedes Mal gelächelt, wenn ich konzentriert durch die Plattenhüllen geblättert habe und gespannt gewartet, wofür ich mich entscheide.

Es gab eine Ecke mit einem halben Dutzend Platten einer Band, die Raw hieß, die wir nie aufgelegt haben. Immer wenn ich sie vorgeschlagen habe, hat mein Vater abweisend reagiert und ich musste mir eine andere Platte aussuchen. Ich habe nie weiter gedrängt, weil ich irgendwie gespürt habe, dass ich diese Grenze nicht überschreiten sollte.

Meine Mutter war nie begeistert davon, dass mein Vater mir Lieder vorgespielt hat, die nicht für mein Alter geeignet waren. Vielleicht hat sie aber gewusst, dass es ihm gut tat, diese Leidenschaft mit mir zu teilen und es darum nie verboten.

„Ich weiß noch, dass es ein merkwürdiger Augenblick war, als wir in meinem Zimmer saßen und den Kassetten gelauscht haben. Meike hat glücklich gestrahlt und ich konnte die Musik nicht verstehen, ich konnte sie nicht begreifen.“

Nachdenklich streiche ich über das Sofakissen. „Wir haben uns angesehen und ich glaube, wir haben beide gemerkt, wie in diesem Moment etwas zwischen uns zerbrochen ist. Nicht so richtig bewusst, sondern mehr als ein Gefühl, dass es da etwas gibt, das uns auseinander bringt und in dem wir uns so massiv unterscheiden. Und gleichzeitig zu wissen, dass das etwas ist, das wir nicht ignorieren können, weil wir vielleicht beide schon über die Bedeutung von Musik in unserem Leben entschieden hatten.“

Felicia sieht mich an. „Das klingt ziemlich endgültig.“

Ich nicke. „Ich weiß nicht, ob es anders gelaufen wäre, wenn wir älter gewesen wären. Wie viel kann eine Freundschaft aushalten? Wie viel kann sie akzeptieren? Sollte sie nicht erkennen, was dem anderen wichtig ist und es entsprechend wertschätzen und damit umgehen?“

„Findest du nicht, dass das nur eine idealisierte Vorstellung von Freundschaft ist?“

„Ja, vielleicht. Aber vielleicht ist das trotzdem ein Ideal, an dem sie sich orientieren sollte.“

Wir schweigen einige Augenblicke. Aus der Wohnung über uns ist Lachen zu hören.

„Meike und du, ihr habt euch weiterhin getroffen?“, hakt Felicia nach.

„Ja, aber es war nicht mehr wie vorher. Wir haben weiter die Dinge gemacht wie früher, aber es war anders. Wir haben nur noch die eingebrannten Abläufe abgespult. Über Musik haben wir nie wieder gesprochen. Dann kam das Ende der Grundschule und wir sind auf dem Gymnasium in unterschiedliche Klassen gekommen. Damit war unsere letzte Gemeinsamkeit weg und wir haben keine Zeit mehr miteinander verbracht.“ Ich kaue auf meiner Oberlippe und denke, dass ich weiß, dass wir beide keine Schuld daran hatten. Manchmal zerbrechen Beziehungen einfach.

Felicia drückt meine Hand. „Ich hole eben Bier“, sagt sie und verschwindet in der Küche. Ich blicke ihr hinterher und denke über meine erste Zeit auf dem Gymnasium nach. Ich war mit meinen Klassenkameradinnen locker befreundet. Ich habe mich mit ihnen getroffen, sie zu Geburtstagen eingeladen, aber keine hat hervorgestochen und zu keiner hat sich eine tiefere Freundschaft entwickelt. Mir ist es schon damals nie schwer gefallen, Bekanntschaften zu schließen. Das war nie das Problem.

Felicia hält mir eine Flasche hin. „Ich erinnere mich noch an Lotta und Maggie“, sagt sie. „Was ist da eigentlich passiert?“

Lotta und Maggie habe ich in der Musik-AG in der achten Klasse kennengelernt. Beide waren schon länger dabei – Lotta als Sängerin, Maggie als Schlagzeugerin – und ich wollte ausprobieren, ob Musik machen etwas für mich ist. Was den Musikgeschmack anging, hatten wir sehr unterschiedliche Meinungen, was wirklich gute Musik ist. Wir haben von den drei Standpunkten Mädchenpop, Motown-Musik und Rock diskutiert, gefeixt, geschrien und gelacht. Ich lächle bei der Erinnerung an unsere heftigen Auseinandersetzungen, die immer kurz davor endeten, dass wir kein Wort mehr miteinander gesprochen hätten. Vielleicht haben wir irgendwie gewusst, dass die Leidenschaft für die Musik eine viel wichtigere Verbindung war, als der gleiche Musikgeschmack es jemals hätte sein können.

Ich zucke die Schultern. „Jungs. Die Prioritäten haben sich für die beiden verschoben.“

Lotta, Maggie und ich haben einige Monate mit Diskussionen und Musik verbracht. Dann hatte Maggie ihren ersten festen Freund und weniger Zeit für uns. Lotta und ich haben noch einige Zeit zu zweit weitergemacht, aber ohne Maggie war die Dynamik raus. Wir brauchten unsere drei Ecken, nur so haben wir funktioniert. Schließlich hat auch Lotta jemanden kennengelernt und wir haben uns irgendwann gar nicht mehr getroffen.

„Das muss bitter gewesen sein“, sagt Felicia. „Ich erinnere mich, dass ihr ziemlich viel zusammen wart.“

Ich streiche mir durchs Haar. „Ich war wahnsinnig enttäuscht und verletzt. Ich hatte etwas anderes erwartet, weil ich nicht so reagiert hätte. Ich hätte das, was wir hatten, nicht einfach aufgegeben.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Doch. Da bin ich mir sicher.“

Felicia sieht mich nachdenklich an. „Wirklich? Auch wenn du damals schon Dan kennengelernt hättest?“

Ich erwidere ihren Blick. Meine Schwester liebt es auszuprobieren, wie weit sie bei Menschen gehen kann, wann die Schmerzgrenze nicht nur erreicht, sondern überschritten ist. Bei mir hat sie das schon zu oft versucht. Ich bin abgehärtet.

„Auch dann nicht.“

Dan habe ich einige Jahre nach Lotta und Maggie getroffen. Dazwischen habe ich viel Zeit damit verbracht, mich durch die Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte zu hören. Nicht nur Rock, sondern auch Punk, Pop, Hip-Hop. Ich habe viele Sachen entdeckt, die mein Vater nicht gehört hat und vieles, was ich nie wieder hören werde. Aber auch Unmengen an hervorragenden Stücken. Raw gehörte dazu. Es war nicht nur die Musik, sondern auch die Geschichten, die hinter den Liedern und Alben steckten, die mich faszinierten. In der Zeit hat sich meine CD-Sammlung fast täglich erweitert. Ich weiß noch, wie mein Vater fassungslos darüber war, dass ich mich für CDs und nicht Vinylplatten als Medium entschieden hatte. Vielleicht war das meine Art mich von ihm abzugrenzen.

Felicia blickt konzentriert vor sich hin. „Mir fällt sonst keiner mehr ein. Nur noch Dan.“

Dan hat in einer Bar gearbeitet, in der zweimal in der Woche Live-Musik gespielt wurde. Er hat mir irgendwann erzählt, dass der freie Eintritt zu den Konzerten der Grund war, warum er dort angefangen hat zu arbeiten. Dan kam aus einer Kleinstadt im Westen Deutschlands und wir haben uns kennengelernt, als er sein erstes Jahr an der Uni studiert hat.

Dan war der erste Mensch, den ich getroffen habe, der eine mit meiner vergleichbaren Musiksammlung hatte. Sie war eine bunte Mischung aus CDs, Platten, Kassetten und mp3s und bestand zum größten Teil aus Punk. Er hat mir manchmal davon erzählt, wie fehl am Platz er sich in seiner Heimatstadt gefühlt hat, weil die Leute ihn für einen Freak gehalten haben. „Sobald deine Leidenschaft ein wenig ausgeufert ist, wurdest du schräg angeschaut. Alles nur in Maßen, alles nur in einem abgesteckten Rahmen, sonst ist das nicht mehr normal“, hat er dann immer gesagt und dass ihn diese neue Stadt frei macht, weil es hier okay ist, seine ganze Wohnung voller Musik zu haben. Ich war mir damals schon nicht sicher, ob ich diese Ansicht teilte. Ich habe mich auch hier wenig verstanden gefühlt.

„Was hat euch auseinandergebracht“, fragt Felicia.

„Unüberbrückbare Differenzen.“

„Das sagst du jedes Mal.“

„Und du lässt es jedes Mal gelten“, grinse ich.

„Heute nicht.“ Felicia zieht ihre Beine unter den Körper und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche.

Ich seufze leise und reibe mein T-Shirt zwischen den Fingern.

„Unsere Beziehung war immer von Musik geprägt.“

Die Welt hält erwartungsvoll inne, richtet ihren Blick auf uns, als ob sie spürt, dass jemand gerade ein Stück Wahrheit erzählt, aufrichtige Wahrheit.

„Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, aber irgendwann habe ich an Dan eine leichte Gereiztheit bemerkt, wenn wir uns mit Musik beschäftigt haben. Wenn ich Diskussionen angefangen habe, hat er sie nur lieblos geführt und später dann abgewürgt. Irgendwann habe ich ihn darauf angesprochen und er meinte, dass er der Musik überdrüssig wird. Und ich habe ihn angesehen und in diesem Moment gemerkt, wie groß die Bedeutung von Musik in meinem Leben ist. Wie sie sich in den ganzen Jahren in mir ausgebreitet und wie wenig Platz sie für andere Dinge gelassen hat. Ich bin nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Ich bin nicht bereit, das zu akzeptieren.“

Vor einigen Minuten hat es angefangen zu regnen. Ich stehe auf, um das Fenster zu schließen. Auf dem Fußboden haben sich die ersten Tropfen verteilt. Ich wische mit meinen Socken über die feuchten Flecken und hinterlasse Schlieren. Mir war immer klar, dass das die richtige Entscheidung war. Ein bitteres Gefühl ist trotzdem geblieben. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich daran liegt, weil ich diesen speziellen Menschen verloren habe.

Ich ziehe die Schultern hoch und drehe mich wieder zu Felicia.

„Weißt du noch, wie ich mich mit dieser Gruppe Festivalgänger angefreundet habe?“

„Ja. Du hast mir damals erzählt, dass du sie unendlich viel ausgefragt hast, um herauszufinden, ob sich der Aufwand lohnt. Wie ein Job-Interview.“ Sie grinst.

„Das sah auch ganz gut aus. Als wir zum Festival gefahren sind, hat sich gezeigt, dass das alles nur heiße Luft war. Zu einigen Konzerten sind sie gegangen, die meiste Zeit haben sie aber auf dem Campingplatz verbracht, um das ‚Festival-Flair‘ zu erleben.“ Ich schwanke immer zwischen amüsiert und fassungslos, wenn ich daran denke.

Felicia drückt sich von der Couch hoch und schiebt die leeren Flaschen auf dem Tisch zusammen. „Ich gehe schlafen.“ Sie drückt den Rücken durch und streckt die Arme in die Luft. „Schlaf gut.“

Ich nicke. „Bis morgen.“

Nachdem die Tür hinter Felicia zugefallen ist, drehe ich mich wieder zum Fenster und blicke in den dunklen Regen. Ich denke an Portland und muss lächeln.

*

Die letzten Töne sind verklungen, der Plattenspieler hat sich ausgestellt. Wir schweigen.

„Er hat sich kurz vor deiner Geburt das Leben genommen. Ich war wahnsinnig erschüttert. Ich war wahnsinnig wütend.“ Mein Vater blickt auf das Plattencover von Raw. Er räuspert sich. „Es ist sehr krass, dass Menschen, denen du nie so richtig begegnet bist, mit denen du noch nie ein Wort gewechselt hast, so dermaßen in deinem Leben verankert sein können. Es war, als ob gerade ein guter Freund gestorben ist.“ Ich sehe, wie mein Vater seine Gedanken sortiert. Da ist wieder dieses Gefühl, das mich schon früher immer gestreift hat, wenn ich nach den Platten gefragt habe. Jetzt wird mir klar, dass es dieser stille Schmerz ist, der ihn umgibt.

„Ich habe einige Wochen gebraucht, bis die Wut verflogen ist, weil ich begriffen – nicht nur verstanden, sondern begriffen habe – dass genauso schlimm wie das Nachgeben des Körpers aufgrund einer Krankheit das Nachgeben der Psyche ist.“

Mein Vater lässt den Blick zu den Platten von Raw wandern.

„Er hatte schon vorher viele Jahre viele verschiedene Probleme. Depressionen, Alkohol, Drogen. Irgendwie hat er es immer geschafft und all diese Schwierigkeiten haben seine Musik zu dem gemacht, was sie war und was sie mir bedeutet hat. Ich habe geglaubt, dass jemand, der weiß, wie es ist, am Abgrund entlang zu tänzeln, besser damit klar kommt und den Dreh raus hat. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass dort der Sturz schneller geht, dass nur ein kleiner Schubser ausreicht.“

Er seufzt.

„Manchmal kann man so viel schreiben, schreien, komponieren und der Schmerz bleibt trotzdem in dir drin. Egal, was du versucht, er sitzt fest. Du bist exzessiv dabei, Lied um Lied zu schreiben, aber er wird nicht weniger. Selbstverwirklichung heilt nicht immer eine zerrissene Seele.“

Langsam blättere ich durch den Stapel mit den Vinylplatten von Raw. Die Hüllen sind abgegriffen, die Seiten leicht eingerissen. Mein Vater muss sie unzählige Male aufgelegt haben. Ich glaube, ich kann verstehen, warum er sie nie mit mir zusammen gehört hat. Es gibt Schmerzen, die so groß sind, dass sie nur alleine ertragen werden, die nicht geteilt werden können, weil man sonst zerspringen würde.

„Vielleicht hat deine Geburt ein wenig davon geheilt, auch wenn das vermutlich jeder Vater sagen würde.“ Mein Vater lächelt leicht. „Aber er war trotzdem noch da und auch jetzt nach über zwanzig Jahren gibt es Momente, in denen ich immer noch tief von seinem Tod erschüttert bin.“

Die Momente verstreichen während wir schweigend dasitzen. Schließlich beuge ich mich zum Plattenspieler und setze die Nadel wieder auf den Anfang.

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Carolin Wiechert

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