freiTEXT | Jacqueline Krenka
Der Punkt
Das ist er also. Dieser eine Punkt, dessen Existenz du weder jemals bedacht noch für möglich gehalten hast. Ob erreicht oder überschritten spielt hier keine Rolle. Dieser eine Punkt, an dem dein Herz so sehr gebrochen ist, dass es keine Gefühle mehr fassen kann, nicht einmal die Schlechtesten. Liebe und Hass, Freude und Trauer, Hoffnung und Schmerz. Sie alle rinnen durch die Risse, schneller noch als Wasser durch ein Sieb. Zurück bleibt ein pochender Muskel, dessen einzige Aufgabe bloß noch darin besteht, einen freudlosen Körper am Leben zu erhalten. Ob er will oder nicht, woher soll er es denn wissen? Er fühlt es ohnehin nicht.
An diesem Punkt läuft eine Träne über dein Gesicht und du fragst dich, ob sie ein Zeichen deiner zurückkehrenden Gefühle sein könnte. Doch dann bemerkst du, dass du bloß vergessen hast, zu blinzeln, als du in Gedanken versunken an die Wand starrtest. Du erinnertest dich an frühere Zeiten, daran, was für ein glücklicher Mensch du damals warst, wie herzhaft du gelacht, genossen, gelebt und geliebt hast. Du wischt die Träne weg, fokussierst deinen Blick und fragst dich kurz, wann du dich selbst verloren hast. An welchem Punkt.
Jacqueline Krenka
freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at
freiTEXT | Renate Katzer
Großvater
Seine Worte verhallten
auf dem Amboss
unter
den Hammerschlägen
er legte
die Hand ins Feuer
für mich
sein Herz war weich und
glühend
wie das Eisen
das er trieb
sein Geist sprühend
wie die Funken
die
um meine Kindheit
tanzten
Renate Katzer
freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at
freiTEXT | Simone Scharbert
brasch lesen
atmen lernen oder erzählen
eintauchen in lungen
ins kapillare netz
brustschwimmen
durch blutbahnen
durch deine und meine
in luftblasen denken
die gegenwart tauschen
mit jemandem
der sagt
erzähl’ mir vom atmen
das wünschen wir uns
Simone Scharbert
freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at
freiTEXT | Fabian Bönte
52.5590437, 11.9350376
ich spüre flügelschläge
ich bin blind
ich schreie
und verliere mich im dunkel
wir treiben im nichts
wir schlagen auf trommeln
wir durchkämmen den himmel
auf der suche nach licht
Fabian Bönte
freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at
freiTEXT | Ingeborg Kraschl
Treibjagd
Fensterbaum
er bricht dir
das goldene Licht
zum Schatten
seine Äste
dich umfangen
schließen aus
das Urteil
bis der Frost
sich nicht mehr
geduldet
die Tür
nicht mehr
im Schloss bleibt
deine unruhigen Augen
nicht mehr
vom Warten
sprechen
Ingeborg Kraschl
freiTEXT ist eine Reihe literarischer Texte. Freitags gibts freiTEXT.
Du hast auch einen freiTEXT für uns? Sende ihn uns doch an mosaik@studlit.at










