Stadtplan

Sofa. Full Circle Moment. Der erste Tag von vielen ersten Tagen. Meine Wirbelsäule krümmt sich zu einem Halbmond. Ich ziehe die Beine an meinen Körper heran, umschlinge sie mit den Armen. Meine Lippen liegen auf meinen Knien. Ich verschnüre mich zu einem kleinen Paket und zwischendrin liegt der warme Kern, den ich hüte – meine Wärmflasche. Sie gehört bereits wie ein zusätzlicher Knochen zu meinem Körper. Ich wiege mich vor und zurück. Ich zittere vor Kälte, vor Hitze. In stechenden Schüben gräbt sich der Schmerz durch meinen Unterleib.

Dielenboden. Ich auf dem Boden, kippe den Wäschekorb aus und sortiere mein Chaos. Plötzlich kann ich nicht mehr, bin viel zu erschöpft. Ich lege mich auf den Rücken. Rücken auf Dielenboden. Ebenes Terrain. Ich drehe den Kopf zur Seite und mustere die dunkelbraunen Astmuster der Bretter. Ich stelle mir vor, wie viele kleine Bäume aus den Astansätzen entspringen und zu einem Gebirge in meiner Wohnung heranwachsen. Die Wäschehaufen müffeln neben mir. Ich lege mein Ohr auf das Holz und lausche. Ich höre nur Herz und Bauch. Im Halbschlaf rattert die Bahn an meinem Fenster vorbei. Der Holzboden vibriert unter meiner Wange. Diese Bahn, sie fährt in Ringen durch die Stadt, zieht ihren Bogen um meinen Alltag.

Küche. Ab in die Küche, Schmerztabletten im Schrank. Endometriose wird – ich zitiere – als »das Auftreten verschleppten Gebärmutterschleimhautgewebes außerhalb der Gebärmutter«¹ beschrieben. Interessant! Ich habe das Bild im Kopf, wie eine Diebin meine Schleimhaut verschleppt. Wohin? Wollte ich? Ach ja, in die Küche. Auf dem Herd die Reste der eingetrockneten Tütensuppe. Ich kaufe immer die mit den Buchstaben, nicht mit den Zahlen, denn Zahlen liegen mir fern. Ich bin ja auch keine Mathematikerin, aber Worte, die liegen mir. Näher zumindest. Doch was soll ich schon anfangen mit all diesen Buchstaben?
In der kurzen prä-Schmerz-Periode meines Lebens wünschte sich mein Kindheits-Ich, in die Stadt zu ziehen. Ich sagte zu meiner Mutter: Ich werde in die Stadt gehen und Schriftstellerin werden. Sie fragte, über was ich denn schreiben wolle. Ich: Na über alles. Über die Stadt und ihre Menschen. Ich wohne nun bereits seit 7 Jahren in dieser Stadt und ich habe nichts Vernünftiges geschrieben. Ich habe keine Zeit, mich mit der Stadt und ihren Menschen zu beschäftigen. Ich beschäftige mich, immer, nur, ausschließlich, mit meinem kranken Körper.

Toilette. Blutklumpen in der Toilette. Etwas wächst knisternd. Spitz die Ohren. Von Innen raus. Wie ein Tinnitus. Die Dusche tropft. Wasser. Ich bin über Bord gegangen. Wo ist denn die Kapitänin? Schon längst nicht mehr hier. Ich sitze fest. Im Badezimmer, in diesem Körper. Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Meine Lungenflügel arbeiten. Flattern. Pumpen Luft. So viel Luft. Warum fliege ich noch nicht? Mit dieser starken Lunge wie die Flügel eines Vogels? Und die verästelten Bronchien, zwei Bäume für meinen Vogel.

Sofa. Hier war ich schon. Mit Wärmflasche. Bin wieder hier, bin oft hier. Von hier habe ich eine gute Aussicht auf die Bilder an der Wand. Nördlich die Tür, westlich die Palme. Südlich, meinem Körper hinab, der Unterleib. Endon = innen. Warum ist Schmerz nur endon? Außerhalb von Haut und Knochen bleibt alles unbeeindruckt. Könnte das, was innendrin wütet, sich einen Weg ins Freie bahnen, dann würde hier ein wildes Treiben ausbrechen. Die Vase, die Kerzenständer, die Bücher, alle würden wild umherfliegen und ächzend aneinanderstoßen. Die Tür würde sich selbst aus den Angeln reißen und entsetzt gegen andere Möbel prallen. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie die Tapete sich in Streifen fetzt und die Fenster sich entglasen, ihre Gesichter verlieren. Alles fliegt umher, alles will sich an allem festhalten. Aber vor meinem echten Auge liegt die Welt still und brav. Such den Fehler im Bild. Es ist nicht der Raum, ich bin es.

Dielenboden. Wieder Wange auf Holz. Immer noch krank. Ich denke oft zurück, wenn ich auf dem Boden liege. Das haben Holzböden so an sich. Meine Mutter, die Hagebutten in die Flotte Lotte gab und kurbelte. Die Passierscheibe quetschte das Fruchtfleisch. Haut platzte auf, Kerne sprangen. Rote Flüssigkeit. Matsch. Die Hände juckten. So ungefähr fühlt es sich unten rum an.

Küche. Ich esse eine Banane, schaue aus dem Fenster. Immer diese Fenster. Die Bahn rauscht ratternd vorbei.

Toilette. Am Badezimmerfenster klebt eine glänzende Sichtschutzfolie, auf der sich geschwungene Tulpen mit Blätterkränzen in die Höhe winden. Das Fensterviereck leuchtet heute golden, glitzert wie ein Sonnenfänger in Regenbogenfarben und wirft einen Heiligenschein um den weißen Rahmen. Beinah fühle ich mich sakral, als würde ich in einer Kirche mit ihrem Buntglas sitzen und nicht blutend und mit Durchfall auf einer Toilette.

Sofa. Ich schrubbe das Sofa. Ein Fleck. Blut ist nicht nur rot, Blut hat verschiedene Farben: Hell- bis Dunkelrot, Rosa, Braun, Schwarz, beinah Lila. Schillernd. Wie die Schuppen eines Fischs.

Dielenboden. Immer noch Wange auf bebendem Holz.

Küche. Und so weiter und so fort. Hier passiert nicht mehr viel.

∞ Toilette, Sofa, Dielenboden, Küche ∞. Abends, wenn das Licht zittert und wirbelnde Kreise auf die Wand wirft, tauche ich hinter die Spitzengardine, blicke hinaus und verträume mich. In meiner Vorstellung setze ich meinen Fuß in die Bahn. Ich fahre auf der Höhe von kleinen Balkonen mit Statuen und Stuck. Nur selten passiert die Bahn Gargoyles und Grotesken. Dort eine korinthische Säule. Mein Kopf im Himmel. Blasse, zackige Sterne. Eine Brücke über dem Fluss. Wieder ein Stück Himmel. Die Personen neben mir. Ein Mann, der ein Tischbein mit sich trägt. Vielleicht eine Frau mit orangeroten Lippenstift. Grell. Lila Lackschuhe. Ich höre Musik über blaue Kopfhörer. Tiefe, rauchige Stimmen. Dunkler Bass. Eine Reise ins Düsterland. Ich mag diese ausgedachten Spinnereien. Bin nicht ich in der Bahn. Ich beobachte mich aus der Vogelperspektive. Ich bin ein Teil von der Stimmung, beflügelt von einer sonderbaren Euphorie. Zwischen all diesen fremden Körpern, die Halbkreise fahren.
Irgendwann. Bis ich wirklich wieder in der Bahn sitzen werde. Bis dahin schreibe ich über diesen einen kranken Menschen dieser Stadt, den ich besonders gut kenne, ich, die sich zwischen den vertrauten Etappen ihrer Schmerzlandkarte bewegt.

¹ Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.

 

Lena Hörl

 

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