Die Spende
Als ich endlich bemerkte, dass mein Telefon schon seit einer Weile vibrierte, tropfte ich gerade mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir. Trotz der Atemschutzmaske stieg mir der beißende Dampf in die Nase. Vor lauter Sprödheit dichtete das graue Silikon nicht mehr richtig ab. Keine Ahnung, wie alt das Ding war und wie viele Namen vorangegangener Assistent:innen bereits darauf verblasst waren, bevor ich meinen eigenen mit schwarzen Edding darübergekrakelt hatte.
Ich fummelte das Telefon mit meiner freien Hand aus der Hosentasche und machte mit der anderen weiter. Mir war klar, wer dran sein würde. Niemand sonst ließ es so lange klingeln.
„Hast du gerade viel zu tun?“
„Nein“, log ich. Eigentlich sollte ich heute noch das gesamte Muster, das als Vorlage ausgedruckt neben mir lag, auf das Großformat übertragen. Natürlich wusste er das nicht. Dafür kam er viel zu selten ins Atelier. Zu wissen, an welchen seiner Kunstwerke wir aktuell arbeiteten, überließ er seinem Studio Manager.
„Könntest du schnell etwas für mich erledigen?“
„Gerne“, log ich erneut.
Noch während er mir erklärte, was er wollte, kroch ich von der Bohle, die mit Schraubzwingen an dem zwei Meter hohen Baugerüst befestigt war. Sie ragte wie ein Sprungbrett über die Leinwand. Ich eilte zum anderen Ende der langen Fabrikhalle, wo ich in den Scherenlift stieg und mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt alles aus dem Lastenregal nahm, was er mir diktierte. Dabei konnte ich ihn kaum verstehen. Hinter mir dröhnten mehrere Staubsauger. Die anderen hatten gerade eimerweise Farbe auf eine noch größere Leinwand als meine geschüttet. Nun versuchten sie energisch, winzige Lufteinschlüsse herauszusaugen, indem sie an die Enden von Staubsaugerschläuchen geklebte Spritzen hineinpieksten. Der Studio Manager, der hektische Anweisungen gebend daneben stand, sah mich und forderte aus der Ferne mit seinem Gesichtsausdruck eine Erklärung von mir. Ich drehte ihm das Telefon an meinem Ohr entgegen und deutete mit dem Finger darauf. Das genügte, um mein Handeln zu autorisieren.
Je zwei 500-ml-Flaschen Acrylfarbe pro Farbton, dutzende Tuben Ölfarbe, mehrere Gläser Pigmente, Bindemittel, unzählige Pinsel sämtlicher Größen und allerhand weitere Kunstmaterialien packte ich in leere RAKO-Boxen. Ich bediente mich so großzügig an dem Bestand, dass ich erwartet hätte, diesen danach deutlich ausgedünnt zu haben. Doch es fiel kaum auf. Das Lastenregal, das sich über die gesamte Stirnseite der Halle bis knapp unter das Dach erstreckte, sah weiterhin wie ein Großhandel für Kunstbedarf aus. Dabei benutzten wir dessen Inhalt für die meisten Projekte nicht einmal, sondern bestellten neu. Das Regal und dessen Inhalt erfüllte eher repräsentative Zwecke, das Beeindrucken hohen Sammlerbesuchs zum Beispiel, oder der Medien, wenn sie über ihn berichteten. Es war extrem kostspielige Künstlerstudiodeko, die teilweise komplett ungenutzt vor sich hin trocknete.
Aufeinandergestapelt rollte ich die vollen RAKO-Boxen mit einer Sackkarre über das weitläufige Grundstück zum Sprinter, lud sie ein und fuhr los. Ich hatte mich dermaßen beeilt, dass ich noch meine improvisierte Schutzbekleidung für die Arbeit mit dem Chlor trug, einen schwarzer Müllsack, in den ich Löcher für Arme und Beine gerissen hatte, als ich auf den Parkplatz der Grundschule einbog. Schnell streifte ich ihn ab, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Es brachte nicht viel. So skeptisch wie die Schulleiterin meine farbverschmierten Klamotten betrachtete, als ich mich im Sekretariat anmeldete, hätte ich den Sack genauso gut anbehalten können.
„Ach, Sie sind das! Der Kunstraum ist ganz oben. Sie sollten sich aber besser ranhalten. In 15 Minuten fängt die Pause an.“
Ich befürchtete schon, eine laufende Schulstunde zu unterbrechen, als ich den Raum betrat. Glücklicherweise war gerade keine Klasse anwesend. Die Kunstlehrerin saß allein an ihrem Schreibtisch und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Erstaunt betrachte sie die erste Kiste und nahm diese zögerlich entgegen, als könne ich das nicht ernst meinen. Dann bedankte sie sich überschwänglich.
„Das war noch nicht alles“, eröffnete ich ihr.
„Was, wirklich?“
Während ich schwitzend eine Kiste nach der anderen herauftrug und vor ihr auf den Boden stellte, ging ihr Erstaunen recht schnell in Sprachlosigkeit über. Fast schon erschrocken starrte sie darauf, als hätte sie trotz ihres Berufs soeben erst von der Existenz einer solchen Menge und Auswahl an Kunstmaterialien erfahren.
„Ich muss mal schauen, ob ich überhaupt genügend Platz habe.“
Sie führte mich in eine kleine Kammer neben dem Klassenzimmer. Dort deutete sie auf eine trostlose, schmale Ablage. Bis auf eine einzelne, viertel volle Flasche Kadmiumgelb und ein paar Wachsmalstifte war diese komplett leer.
„Wie Sie sehen, sind unsere Mittel sehr begrenzt. Für den Kunstunterricht bleibt leider nie viel Budget übrig.“
Mit sichtlicher Verzückung begann sie, die Farben aus den Kisten zu nehmen und auf der Ablage nach Tönen zu sortieren.
„Sagen Sie ihm tausend Dank und dass mir seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof sehr gefallen hat. Dass jemand ganz alleine solche großen, aufwendigen Werke erschafft, ist wirklich beeindruckend.“
Ich sparte es mir, ihre verklärte Vorstellung seiner Kunstproduktion zu berichtigen. Zu erörtern, dass Künstler wie er heutzutage riesige Studios betrieben, in denen sie zahlreiche Assistent:innen beschäftigten, die größtenteils alle selbst Kunstschaffende waren, aber aus Mangel an Erfolg finanziell darauf angewiesen waren, deren Kunst herzustellen, anstatt der eigenen, würde jetzt zu weit führen. Stattdessen nickte ich und eilte zurück ins Sekretariat, um mich abzumelden.
„Richten Sie Ihrem Chef unseren herzlichen Dank für diese großzügige Spende aus“, sagte die Schulleiterin merkwürdig hölzern, „allerdings hatte ich ihm am Telefon schon mitgeteilt, dass wir keinerlei Kapazitäten mehr haben. Wir nehmen momentan keine Kinder aus anderen Bezirken auf, nur aus unserem direkten Einzugsgebiet. Da können wir leider keine Ausnahme machen.“
Endlich verstand ich, wieso er einer Grundschule in Zehlendorf Kunstmaterialien spendete, obwohl er in Neukölln wohnte. Ich kannte mich mit den Unterschieden zwischen den Grundschulen der einzelnen Bezirke Berlins nicht aus, aber sie schienen ihm wichtig genug zu sein, seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto durch die halbe Stadt fahren zu wollen. Wobei das wahrscheinlich eh seine Haushälterin oder jemand von uns machen würde.
Mit dem Einsetzen des Pausenklingelns stieg ich wieder in den Sprinter und fuhr zurück. Auf dem Grundstück sprangen einige der anderen gerade energisch auf dem vollen Baucontainer herum. Sie versuchten, den Müll darin zusammenzustampfen, um Platz für die Leinwand zu schaffen, an der sie vorhin gearbeitet hatten. Offenbar war es ihnen nicht gelungen, sämtliche Einschlüsse herauszusaugen. In den letzten Wochen hatten sie unzählige solcher Fehlversuche entsorgen müssen. Es war nahezu unmöglich, die Oberfläche so fehlerfrei hinzukriegen, wie er es wollte.
Ich parkte und half ihnen schnell, das von der halben Palette Farbe, die darauf vergeudet worden war, unheimlich schwer gewordene Gewebe in den Container zu wuchten. Dabei entdeckte ich mehrere Großpackungen 6 mm Tackernadeln. Für das Aufspannen der Leinwände sollten wir diese nicht mehr verwenden. Ich kletterte in den Container, trat einen Stapel Leisten beiseite und kramte sie hervor. Um Tackernadeln brauchte ich mir nun für die nächsten Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Im Atelier bereiteten die anderen schon den nächsten Versuch vor. Der Studio Manager war hörbar angespannt und wiederholte unentwegt, dass es dieses Mal unbedingt klappen müsse. Froh darüber, diesem Projekt nicht zugeteilt zu sein, zog ich den Müllsack wieder an, streifte die Atemschutzmaske über und nahm meinen Platz auf der Bohle ein. Kaum dass ich saß, klingelte das Telefon erneut.
„Und? Hat alles geklappt?“, fragte er.
„Ja. Sie haben sich sehr gefreut. Ich soll dir ihren Dank ausrichten.“
„Gut!“
Er machte eine kurze Pause und ich dachte schon, da käme nichts mehr, als er hinzufügte: „Haben sie sonst noch etwas gesagt?“
Ich beschloss, die letzten Sätze der Schulleiterin lieber überhört zu haben und verneinte. Er legte auf und ich fuhr fort, mit einer Pipette flüssiges Industriechlor auf die Leinwand unter mir zu tropfen.
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