Rauch, Erde und Erinnerung

Dieser Text ist eine Rückkehr – nicht nur an einen Ort, sondern in eine Geschichte, die nie abgeschlossen war. Ich war drei Jahre alt, als mein Vater mich aus einem brennenden Haus trug und selbst an den Folgen starb. Mehr als vierzig Jahre später fuhr ich in das Dorf zurück, aus dem er kam. Ich wollte wissen, ob jemand mich noch kennt – oder sich an ihn erinnert. Was ich fand, war Nähe, Trauer, Erstaunen – und eine unerwartete Schuld: die Erkenntnis, dass selbst Freude ein
Herz brechen kann. ‚Rauch, Erde und Erinnerung‘ ist kein Reisebericht. Es ist der Versuch, den Schmerz und die Zärtlichkeit einer späten Begegnung in Sprache zu fassen.

Mit sechsundvierzig Jahren kehre ich zum ersten Mal in das Dorf Lubishte zurück.
Ein guter Freund begleitet mich, zwanzig Jahre älter, zwei Rucksäcke, ein Ziel.
Lubishte – das Dorf meines Vaters, in Kosovo,
die Erde seiner Kindheit,
die für mich nur ein Wort war, bis jetzt.

Er starb in Deutschland, als ich drei Jahre alt war.
Er rettete mich aus dem Feuer einer Zechenhaushälfte,
doch er selbst überlebte nicht.
Wenige Tage später erlag er den Rauchvergiftungen.
Meine Mutter blieb mit sechs Kindern zurück
in der neuen, fremden Heimat.
Ich, das Jüngste, kaum drei,
trug Verbrennungen dritten Grades an siebzig Prozent meines Körpers davon,
auch im Gesicht.

Nun also stehe ich hier,
in dem Dorf meines Vaters,
das seinen Namen trägt in meinem Ausweis,
aber nicht in meiner Erinnerung.
Ich will überraschen – und werde selbst überrascht.
Ich weiß nicht, ob noch jemand von uns lebt hier,
ob jemand weiß, wer ich bin.

Doch sie sind da.
Verwandte, von denen niemand etwas wusste –
nicht einmal die vielen in der Türkei.

Einer von ihnen, ein Cousin meines mit zweiundvierzig Jahren verstorbenen Vaters,
sitzt auf einer kleinen Bank vor dem Haus,
eine Zigarette in der Hand.
Er schaut mich an, ohne etwas zu sagen.
Dann zieht er langsam den Rauch ein,
schaut wieder hin,
und in dem Moment, als er versteht, wer vor ihm steht,
fällt ihm die Zigarette aus der Hand.
Er beginnt zu weinen
und umarmt mich, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte
zwischen uns zusammendrücken.

Auch die anderen kommen,
nahe, ferne Verwandte,
ergriffen, lächelnd, traurig.
Sie berühren mein Gesicht,
sehen in mir den Sohn, den Neffen,
den Überlebenden.

Drei Tage lassen sie uns nicht fort.
Nicht aus Lubishte, nicht aus dem Nachbardorf.
Sie öffnen ihre Häuser,
ihre Wohnungen,
ihre Herzen.
Das Hotel in Prishtina, längst bezahlt,
bleibt leer.
Wir schlafen auf Sofas, essen aus einem Topf,
trinken Kaffee im Hof,
hören Geschichten,
die alle mit Schweigen beginnen.

Ein älterer Verwandter aus der Schweiz ist gerade im Urlaub im Dorf –
Musiker,
übersetzt für mich,
deutet die Worte, die Gesten, die Tränen.

Fünfzehn Monate sind seitdem vergangen.
Ich bin achtundvierzig.
Und manche Nächte bleiben wach.

Ich denke an den Moment,
als der Cousin meines Vaters, der mich weinend umarmt hatte,
sagte, dass er Herzprobleme habe
und die Begegnung mit mir
seinem Herzen den Rest gegeben habe.
Er meinte es nicht böse –
aber der Satz traf mich wie ein zweites Feuer.

Er schickt mir Fotos,
mit Freunden, mit Familie.
Er ist gealtert,
schnell, sichtbar.
Und ich frage mich,
wie egoistisch ich war,
unangekündigt dorthin zu fahren,
ohne die Folgen zu bedenken,
ohne zu wissen,
dass man mit Erinnerungen auch töten kann.

Wie soll ich ihm je wieder ins Gesicht sehen –
im wirklichen Leben?

 

Adnan Aydemir

 

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