gespenster
1 die gladiolen sind frisch geschnitten. sie stehen aufrecht in einer gläsernen, nach oben schmal zulaufenden vase. durch das helle glas kann man im wasser einzelne luftbläschen erkennen. sie sitzen auf den stielen und auf den schwertförmig in die höhe strebenden blättern. einige bläschen haben sich auch am glas gesammelt. knapp oberhalb des vasenrands, etwa auf halber höhe der gewächse, spreizen sich die ersten blüten von ihren stängeln ab. ihre form ist die komplizierteste. eine frau berührt mit ihrem zeigefinger vorsichtig eines der gelben fruchtblätter. die kinder, die sich im halbkreis um sie versammelt haben, nicken. sie wissen, dass das geheimnis darin besteht, nur das zu malen, was man tatsächlich sieht. nachdem die kinder mit ihrer arbeit begonnen haben und die pinsel ihren weg durch die bereitgestellten farbkästen suchen, verändert sich das klima im raum. die angestrengte, wie ein boot schwankende stille, die kleinen, über das raue aquarellpapier streichenden fäuste, die gleichgültigkeit der gladiolen in ihrer vase, all dies ist plötzlich kaum mehr zu ertragen.
2 das misstrauen gegenüber den worten, bis in die haarspitzen ist es dir gewachsen, tropft auf die schuhe, hinterlässt überall seine spuren. schon bald sickert es in die druckerpatronen, die dir von ihren haken im elektronikgeschäft unverhohlen ins gesicht lachen.
3 und wieder: der alte traum, in die wälder zu gehen, eine höhle zu graben, abseits der rahmen menschlicher proportion. im schatten der eichen findest du dich zwischen zweigen verstreut. beschämt, nicht zerbrechen zu können, wenn ein tier auf dich tritt.
4 die flügel sind zerbrochen. schmutz bedeckt das nasse gesicht. unmöglich, den jungen vogel zu orten, der dir aus der dunkelheit ein lied über sein porzellanenes federkleid singt.
5 und sicher, es ist reizvoll, die gewalt abzuwägen, das scharnier an der tür durch die augen des entschlossenen räubers zu sehen. und die gewalt, die deine finger bewohnt und die auch das eisen bewohnt, das du auf deinen fingern geschickt zu balancieren vermagst, schreibt seine kerben in den asphalt breiter straßen, fügt seine spuren behutsam in die kiefer und augenhöhlen blauviolett schimmernder nachmittage.
6 du trägst die steine in deinen händen. die steine tragen die namen der väter. die väter tragen keine steine. sie sind tot. an einem bach bleibst du stehen. du legst die steine ins wasser, drückst sie hinab wie den kopf eines kindes, drückst sie hinein in den boden des bachs. schon bald beginnen die steine zu schluchzen. du hältst sie fest. du hältst die steine wie seifenstücke, deren schäumende leiber nur darauf warten, deinem griff zu entgleiten, nach oben zu flitschen und dir die namen der väter mit felsiger tinte ins angstvoll verzerrte antlitz zu schreiben.
7 es sind die zähne, die vergessen, die stunden zu addieren, der kiefer, der über das knirschen der wochen in verwirrung gerät.
8 und jeden tag kommt ein neuer tag und rüttelt an den ästen der träume, rüttelt das nachtobst aus dir, das du aufliest und mühsam zerkleinerst, das du, gebeugt über das schneidebrett, zurück in den körper zu stopfen beginnst. und auch die kerne und stiele und auch die schalen und die zu boden gefallenen teile stopfst du zurück in den körper, alles stopfst du zurück und leckst schließlich sogar den saft von der klinge des messers. leckst mit der zunge die zähne, die den dunklen geschmack noch einen moment festzuhalten verstehen.
9 das foto zeigt dich auf einer breiten allee. der ort ist dir unbekannt. nichts wirkt vertraut. ist es überhaupt eine allee? jemand scheint das negativ mit einer chemischen lösung bearbeitet zu haben. jede dunkelheit, jeder kontrast – weggeätzt. du blinzelst, suchst im grauweißen rauschen nach einem bekannten detail. doch da ist nichts. nur du und dein im grellen licht beinahe transparent gewordener schatten.
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