studentINNENfutter 3

Studentische Literatur ist…
jung? modern? avantgardistisch? unangepasst?
sie kommt von innen? stülpt das innenfutter nach außen?
ist nahrhaft und preiswert zugleich?

Ein Abend mit

Musik von Waste of Ink

Di, 7. Juni 2016 | 19:30 | Literaturhaus Salzburg

sei dabei!

Präsentiert von mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur, auf Einladung der SAG, mit Unterstützung der ÖH Salzburg.


nehmen wir an, es ist wahr: stein schleift schere, schere schneidet papier, papier seele, eine seele ist eine seele ist eine see. wir nehmen an, dass sie existiert. verhält sie sich zum see wie das augenlicht zur lunge, mögliche szenarien eines ablebens mit see. gibt es nichts, das sich zu berühren lohnte, zu schwimmen. tauchen, ganz, hauptsache. see schneidet körper, bewegung reinen lichts, wie kann man mensch das aushalten.

Alke Stachler

Alke stellt beim studentINNENfutter ihr Buch dünner Ort vor, das in der edition mosaik erschienen ist.

 


 

was übrig bleibt

das wasser rinnt mir aus mund nase und ohren er hört nicht auf zu sprechen das wasser schmeckt nach froschleichen er ist ein kaulquappensammler ich liege auf dem rücken in seinem grasgarten und meinen kopf halte ich ins wasser seines trüben teiches wenn er die eine kaulquappe nicht fängt dann eine andere ich sage ICH FINDE GUT WAS DU MACHST DU RETTEST SIE DU HAST EIN GROßES HERZ er lacht wie das ententier mit fraß im mund zwischen seinen zähnen erhängt sich plankton seine blonden haare sind wie sonnenstrahlen NUR WENN SIE SCHÖN SIND sagt er SEHE ICH SIE ÜBERHAUPT AN er steckt sie in alte gurkengläser und stellt sie in sein kleines zimmer zu viel wasser im kopf ist nicht gut es löst das gehirn auf und übrig bleibt matsch mit algenwurzeln

meiner besten freundin sage ich dass ich mich verliebt habe mehr oder weniger ein bisschen verguckt ein bisschen verschaut ein bisschen ertrunken sie fragt WER IST ER? wir sind in seinem kleinen zimmer er und ich wir fahren mit unseren fingern über kalte gläser er hat durchscheinende aufgequollene hände ich möchte dass er mich ansieht aber ich habe kein etikett und gehöre in kein glas er erzählt mir von kaulquappen wie sie sich bewegen wie sie schlängeln wie sie sich aufbäumen es fällt mehr dreck auf den boden ich will nichts aufheben ich glaube an ihn ich finde ihn gut ich sage es ihm ich höre auf zu atmen ich schlucke mehr wasser mehr wasser für ihn ichichich

[…]

Mercedes Spannagel

den vollständigen Text kannst du in mosaik19 nachlesen oder beim studentINNENfutter 3 hören…

 


 

Letztes Fragment aus den Gedankenexperimenten

Bereich Gedankenhilfe

Jemand hebt ab.

Schlepps, Gedankenhilfe“ – ich bemerke gleich, dass die Frau am anderen Ende der Leitung alles andere als erfreut über meinen Anruf ist – „was kann ich denn für Sie tun?“

Ich imaginiere mir eine nichtrauchende Frau mittleren Alters, die mit müden Augen auf den Monitor blickt. Auf ihrem Schreibtisch befinden sich außerdem: Tastatur, Maus, Drucker/Scanner, ein Glas Wasser, eine leere Kaffeetasse, Druckerpapier, Ladegerät.

Vor ein paar Tagen habe ich mir vorgenommen, zumindest eine Zeitlang den freundlichen Menschen zu spielen; also sage ich: „Grüß Gott, Fr. Schlepps. Ich würde gerne einige Informationen über noch einzureichende Formulare einholen. Bei der Bearbeitung der Dokumente zum Antrag auf Ausgleich meiner Gedankensteuer ist es scheinbar zu einigen Ungereimtheiten gekommen. Es sollen ein paar Missverständnisse aufgeklärt werden.“

Am anderen Ende der Leitung höre ich Schlepps tief, tief durchatmen. Daraufhin versuche ich, mir einen qualmenden Aschenbecher auf ihren Schreibtisch zu imaginieren. Es funktioniert nicht. So muss ich mir selbst eine Zigarette anzünden, finde aber die Schachtel nicht. Ich ändere kurzerhand meine Taktik: „Schlepps“, sage ich, „hören Sie zu. Ich möchte mich mit Ihnen auf einen Kaffee an der Ecke Schottenfeldgasse/Westbahnstraße treffen. Am besten sofort. Hätten Sie Zeit?“

Aus verlässlichen Quellen weiß ich, dass Schlepps neben ihrer Tätigkeit im Magistrat in einem einschlägigen, landesbekannten Pharmavertrieb als Telefonistin im Bereich Verkauf arbeitet. Ich selbst helfe dort gelegentlich aus. Im Pausenraum hatte eine Weile das Wort die Runde gemacht, ihr sei von den dortigen Obrigen nach wiederholten „Zwischenfällen“ aufgetragen worden, den Klang ihrer Stimme doch „ein wenig freundlicher“ zu gestalten, was sie bis dato sogar „durchaus passabel“ befolgt haben soll. Allerdings gibt es im Magistrat im Bereich Gedankenhilfe keine solche Anordnung. Was im Grunde nur allzu verständlich ist – die Gedankenexperimente begründen sich auf gänzlich anderen Fundamenten als jenen der Höflichkeit. Es werden hier größere Netze gesponnen. Die Bürger, die sich an den Experimenten beteiligen, genießen im Alltagsleben ausreichend Bevorzugungen, um über einen gewissen Grad des ihnen beigebrachten Ratlosseins und Verzweifelns hinwegzusehen.

Schlepps scheint mitnichten auf mein Angebot einzugehen und schweigt. Ich lasse ein paar Sekunden verstreichen, ehe ich ihren Namen ein weiteres Mal ausspreche: „Schlepps …“, dann breche ich ab.

Ich imaginiere mir den Traum von letzter Nacht: Klim, ein Alter Ego meiner Schattenwelt, betritt in einem Park am Stadtrand eine Untergrundtoilette und erschlägt in Trance mit einem Baseballschläger zwei feiernde Nationalisten. Zunächst scheint er ungeschoren davonzukommen, doch wenig später wird er, verursacht durch ewiges Warten, in den Gängen des Magistrats dem Neuen Gericht übergeben. Eine weitere Folge der Gedankenexperimente. Einzig ohne Bestandteil der ganzen Maschinerie zu sein, hätte Klim die Möglichkeit aufrechterhalten können, einer Verhaftung zu entgehen.

Er sitzt im Wartezimmer und ist dabei, Formular Nr. 112 auszufüllen. Schon bei der zweiten Frage kommt Unklarheit auf:

„Herr Vorsteher? Ich bin mir nicht sicher, was ich auf diese Frage antworten soll: Streichen Sie alle von Ihnen noch nie ausgeübten Berufe. Das ist eine lange, lange Liste. Das muss Ihnen klar sein. Außerdem bin ich Schwarzarbeiter. Im Grunde erscheint es mir vollkommen unmöglich, diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten.“

Der Vorsteher, der hinter der Theke mit einem Bezirksrat telefoniert, wirft ihm einen Blick zu, in den er sämtlichen Abscheu legt, der ihm zu Verfügung steht. Daraufhin schüttelt er müde den Kopf. Er kritzelt etwas auf einen Notizblock, reißt die Seite heraus, faltet daraus einen Papierflieger und lässt ihn in Klims Richtung segeln. Der Zettel landet in Klims Schoß. Er öffnet ihn.

Dort steht in gerader, dünner Schrift: „Wenn Sie innerhalb von 10 Minuten nicht verschwinden, werden Sie nicht mehr verschwinden können.“

Klim blickt zum Vorsteher und schenkt ihm ein Lächeln. Das Lächeln stößt auf Abweisung. Der Vorsteher ist wieder in sein Telefonat vertieft. Klim zerknüllt den Zettel und steckt ihn in seine Jackentasche. Er bricht das Ausfüllen des Formulars ab und wartet. Kurz darauf wird er abgeholt.

Schlepps!“, hieß es am Telefon. Ich war eingenickt. Wieder. Der Warteraum war gefüllt mit Menschen, und mein Blick fiel auf einen Bewerber, der in einen Raum gezerrt wurde.

Andreas Reichelsdorfer

Weitere Texte von Andreas und den anderen AutorINNEN des studentINNENfutters findest du in mosaik19.

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.