Die Linksnasen

„Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein. Nur an den Scheck denken!“ – skandierend endet der Rundgang am neu benannten „Heldenplatz“ vor der Stadt:Bibliothek. Eine Stunde mit ohnetitel durch Lehen auf den vermeintlichen Spuren von Thomas Bernhard.

Der letzte Tatort war der Würstelstand. Bekannt durch künstlerische Stadtteilinterventionen wie das „Postamt Mitzi“ (2009) oder das „Grandhotel Itzling“ (2011) sowie durch alternatives Kindertheater – zuletzt: „Fee!… wehe, wenn Wünsche wahr werden“ – bewegt sich das Theater- und Performancekollektiv ohnetitel nun auf den Spuren berühmter Autorinnen und Autoren der Stadt(?) – wie zum Beispiel auf denen von „dem Bernhard“.

Im Rahmen des Stadtteilfestes „Starkes Lehen“ luden sie zur alternativen Stadtführung. Nach der Aufteilung in „Linksnasen“ und „Rechtsnasen“ ging es in Kleingruppen zu vermeintlichen Schauplätzen im Leben Bernhards – oder seiner posthumen Verherrlichung. Beispiel: „Hier hat der Praktikant gewohnt, der Bernhard in der Buchhandlung das Lexikon gezeigt hat, in das er („der Bernhard“) aufgenommen wurde.“

Doch die Anekdoten-Wiederkäuung zu Beginn wurde bald mit thatralischen Elementen gebrochen: Über Auszüge aus Auseinandersetzungen mit der Philosophie gelangte man zum Kasperltheater – Thomas Bernhard im Interview. Dass nicht nur er selber zu seinem Status als Kultdichter (wenn ihm schon Adelsbezeichnungen wie Dichterfürst, Dichtergraf oder Dichterbaron verwehrt blieben, wie angemerkt wurde) beigetragen hatte, wurde spätestens im (grandiosen) Boxkampf der Kritiker, die sich mit immer wüsteren Beschimpfungen gegenseitig umzuhauen versuchten, mehr als deutlich.

AutorNase
Autor mit (Links-)Nase.

Nach einer Stunde abwechslungsreicher Stadtteilführung durch mehr oder minder irrelevante Gässchen und Hinterhöfe kehrt man skandierend zurück. ohnetitel ist ein unterhaltsamer und kritischer Zugang zu einer der verklärtesten und verkanntesten Personen dieser Stadt gelungen. Keine wissenschaftliche Abhandlung sondern ein niederschwelliger Zugang – auch das kann Bernhard sein, nicht?

Dass ausgerechnet Lehen der Schauplatz dafür war, kommt nicht von ungefähr, verlagert sich doch das Engagement des Kollektivs nach dem „Tatort: Würstelstand“ im letzten Jahr vom Andräviertel  in den Stadtteil jenseits der Salzach. So führt auch der heurige literarische Stadtteilspaziergang durch die „welt.stadt.lehen“ (19., 20. & 21.9.), den neuen Heldenplatz der Stadt (?).

Josef Kirchner

 

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