Von der Germanistik freischreiben

Nicht im Realismus stehenbleiben, sondern experimentieren, die Mittel der Sprache ausnutzen. Die erste Hälfte der traditionellen Reihe Sprach:Genuss des 7. Literaturfestes Salzburg mit Renate Aichinger und Laura Freudenthaler in den neuen Räumlichkeiten der Galerie 5020 war was der Titel versprach. Doch es kommt noch mehr junge Literatur: gestern, heute und morgen.

Gestern

Freudenthaler las Auszüge aus einer Episode ihres Erzählbandes Der Schädel von Madeleine (müry salzmann 2014) – zum ersten Mal in Salzburg. Zwei Dutzend Muskeln musste laut eigenen Angaben die Protagonistin anspannen, um das Weinen zu verhindern. Die in allen fünf Erzählungen verhandelten Paarsituationen werden teilweise anatomisch von außen betrachtet, zeigen die Fremdheit zwischen den Geschlechtern auf, zeugen aber, wie die Autorin selber meint, nicht unbedingt von Pessimismus.

„Es geht um den Moment und seinen Charakter“, lässt sie ihre Figur mit einem „speichelnassen Zeigefinger“ sagen, der Takt der Musik wird zum Takt im Gespräch, durch die Ausformulierung der Streitsituation zeigt sich deren Redundanz, Monotonie und damit einhergehend die scheinbare Sinnlosigkeit. Der Erzählstil ist direkt, nicht das Glück in der Liebe, sondern das Kippen in die Gewalt wird verhandelt – Christa Gürtler sprach in der Einführung gar von stellenweisem Horror in den Erzählungen.

Erika, der Tod ist da!

Ganz anders Renate Aichinger: „Da müsst ihr euch schon mehr einfallen lassen. Bad News, das war gestern.“, heißt es zu Beginn in der Erzählung Erika, der Tod ist da! aus ihrem Debut Welt.All.Tag (IUP 2012): „Vielleicht werde ich ja bald Alkoholikerin, irgendeine Krise muss man ja haben.“ – sagt es und spendet 20€ für Nachbar in Not um die Welt zu retten.

Es folgen mehrere neuere, kurze, manchmal aphoristisch reduzierte Texte oder Texthappen, die schon auf das Buffet verweisen: Kindheitserinnerungen werden gefolgt von der „Verwesung des Individuellen“ und der „Räumung des Realen“; auf die essayistische räumliche Verortung der Mittel-Schicht folgen teils längere Erzählungen wie jene über die Oma: „nur eine Blase im Bierglasrest zeugt von Leben.“

Inspiriert von Bernhard, Jelinek, Horvath, interessiert sich die hauptberufliche Dramatikerin dafür, wie viel man in der Lyrik weglassen kann – und wie. Auch im Zusammenhang mit Verkürzungen in der Alltagssprache („Gemma Billa!“); z.B.: „Lauschangriff: Abgehört gehört auch gehört.“ (gesamter Text) Der dabei entstehende Rhythmus sei jedoch nicht für die Lesung geplant, so Aichinger.

Weiterschwirren

Aichinger wie Freudenthaler gehören einer jungen Generation von Literaten an, die durch den ungezwungenen und von literarischen Konventionen und Strömungen gelösten Gebrauch der Sprache die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf sich ziehen – aufgrund der nur auf den ersten Blick federleichten und bei genauerer Betrachtung auf unterschiedliche Weise höchst komplexen Texte gelingt ihnen dies, ohne als trivial abgestempelt zu werden.

Anders als Aichinger, die sich ihre Bezugspunkte ganz klar in der Literaturgeschichte holt, meint Freudenthaler, die ihre Abschlussarbeit über Walter Kappacher verfasst hat, dass sie sich „von der Germanistik freischreiben“ müsse. Das Debut mit einem Erzählband wird als ungewöhnlich wahrgenommen, aber ein Roman ist ohnehin bereits in Arbeit. Oder wie Aichinger in einem ihrer Aphorismen meint: „Morgen werden wir weiterschwirren – verwirrt.“

Heute

Heute, Freitag, zeigt das Lyrikkollektiv G13 aus Berlin und das Bureau du Grand Mot aus Salzburg, wie man gemeinschaftlich die Grenzen der Literatur sprengen und dieselbe gleichzeitig weiterbauen kann. berlin.Hanuschplatz, 22.00, Kavernen 1595. Die Texte dazu finden sich im aktuellen mosaik11.

Morgen

Und die Zukunft gehört dir! Während des Bücherbazars am Kajetanerplatz von Donnerstag bis Samstag, präsentieren drei AbsolventInnen des Musischen Gymnastiums und drei Mitglieder der Salzburger AutorInnengruppe ihre Texte – ab 16:00 ist dann die Bühne frei für deine literarischen Gewächse: Open Stage, Anmeldung vor Ort, Lesedauer 10 min.

Kirchner Josef

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.