Einen Raum mit Kunst füllen

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Raum ist kein Naturgesetz und nicht gottgegeben, es gibt auch kein Recht auf Raum. Doch der Bedarf vor allem für künstlerische Nutzung war und ist hoch. INTERLAB, Ein neues transdisziplinäres Festival versucht nun, Leerstände in Salzburg aktiv zu nutzen und die Diskussion über den Umgang mit leeren Räumen anzuregen. Doch: Das klingt einfacher, als es ist. 

„Hier brauchen wir Raum.“ Mit den Fingern markiert Marco Döttlinger einen Bereich. „Und hier könnte man Beamer positionieren.“ Er zeigt an die Decke. „Spots für die Tänzerinnen brauchen wir auch.“ Ein verregneter Aprilnachmittag. Marco steht in einem heruntergekommenen Gebäude in Schallmoos. Der junge Komponist für Neue Musik wird in wenigen Wochen hier zusammen mit NAMES und dem Yugsamas Movement Collectiv die Eröffnungsperformance eines neuen Festivals hinlegen. So richtig kann man es sich aber nicht vorstellen, dass zwischen all dem Gerümpel bald Kunst entstehen soll. Nun gut: Immerhin die Discokugel hängt schon. Wer die wann hier vergessen hat, das bleibt ein Geheimnis.

In einem zweiten Raum daneben werden gerade Türen vermessen und darüber diskutiert, wo die Bar stehen soll. Drei junge Salzburger haben es sich zur Aufgabe gemacht, hier ein transdisziplinäres Festival zu etablieren. „interLAB soll vorhandene Ressourcen und Leerstände nutzen und damit nicht nur das Viertel, sondern die ganze Stadt als Kulturstandort aufwerten“, sagt Christian Winkler, einer der Organisatoren. „Die Suche nach Räumen, die temporär oder dauerhaft genutzt werden können, war in den vergangenen Jahren sehr mühsam“, ergänzt Marko Dinic. Oft schon sei man mit unterschiedlichen Projekten und Plänen auf der Suche nach Raum durch die Stadt gezogen.

Mangelware Raum

Sie stellen dabei keine Ausnahme dar: Raum, insbesondere für nicht-profitorientierte Projekte, ist ein knappes Gut. Und dennoch stehen in der ganzen Stadt Geschäftslokale und Büroflächen leer. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, entdeckt eine Unmenge dieser Gebäude. Das Zwillingspaar an der Lehener Brücke, Lichthaus und ehemaliges Elmo-Kino, ist nur das traurige Aushängeschild einer leeren Stadt.

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„Nutzen statt Leerstand oder Abriss!“, ist das Motto des Leerstandsmelders, einer Initiative zur Vermittlung zwischen der Angebots- und der Nachfrageseite. JedeR kann leer stehende Räume, die im Stadtbild erkennbar sind, online eintragen oder sich informieren, wo denn welches Gebäude oder Geschäftslokal frei ist, um sie für das eigene Projekt zu nutzen.

Besetzung und Aufwertung

In Deutschland wurde (West-) Berlin in den frühen 80ern zum Zentrum der Hausbesetzungen, unter denen auch heute noch gerne jegliche Initaitiven zur Raumnutzung subsummiert werden – der Schrecken blieb, Räumungsversuche der Polizei blieben als „Schlachten“ in Erinnerung. Nach der Wende erstarkte die Bewegung noch einmal, auch das Kunsthaus Tacheles, ein von KünstlerInnen bespieltes Haus, wurde 1990 besetzt und damit – wie das auch bei vielen anderen Projekten der Fall war – vor dem Abriss bewahrt. Mehr als zwanzig Jahre lang prägte das Haus in der Friedrichstraße, „eine Welt der kollektiven Freiheit und Selbstbestimmung“ (Julia Jung in mosaik7) das Stadtbild, bevor es vor wenigen Jahren geräumt wurde. Jetzt steht es erwartungsgemäß wieder leer.

„Dennoch stellen wir uns die Frage, wohin bewegt sich unsere Gesellschaft, wenn sie eine solche „Insel der Seligen“ nicht fortbestehen lässt, obwohl sie der deutsche Kulturrat als „exemplarischen demokratischen Raum“ bezeichnet hat, obwohl sie sich über Jahre hinweg zum „Touristenmagnet“ entwickelt hat? Wohin gehen die KünstlerInnen, deren Zentrum für ihr kreatives Miteinander, ihre Kunstproduktion, ihr Leben das Tacheles war?“ – Julia Jung, mosaik7

Doch das Tacheles konnte die Wirkung von Leerstand auf ein Stadtviertel aufzeigen: Unzählige Gastronomie- und Kreativbetriebe siedelten sich im Umkreis an, es entstand ein belebtes Viertel. Dieser Gentrifizierungsprozess wird häufig als gesellschaftlicher Mehrwert von Neu- oder Nachnutzungen ansonsten leer stehender Gebäude angeführt. Prominentes Beispiel ist aktuell die Stadt Detroit, die nach der Insolvenz vor zwei Jahren mit einem immensen Leerstandsproblem zu kämpfen hat und ganz bewusst KünstlerInnen und Kreativbetriebe anwirbt, um die Stadt wieder zu beleben. Wenn nach einiger Zeit die Mieten dementsprechend angestiegen sind, müssen die KünstlerInnen gewöhnlich wieder gehen.

Be- und gelebter Raum

Diese Temporalität ist – wie auch der DIY-Gedanke – Merkmal der meisten (Zwischen-) Nutzungen von Leerstand und Ausdruck der Win-win-Situation. Abgesehen von illegalen Besetzungen, kommen die meisten Leerstandsnutzungen mit Einverständnis der Vermieter zustande. Die ZwischennutzerInnen bekommen zum Beispiel günstige Mietkonditionen oder müssen sich lediglich um die Instandhaltung der Räumlichkeiten kümmern und sorgen im Gegenzug passiv für die angesprochene Wertsteigerung des Objektes und der Umgebung.

Aus dem physischen Raum wird dabei auch ein sozialer, häufig mit eigenen, meist partizipativen, Strukturen. Durch das soziale Handeln im Raum bekommt dieser eine gesellschaftliche Bedeutung über den monetären Wert hinaus. Dies drückt sich auch in den hauptsächlichen Nutzergruppen von Freiräumen aus: Neben der aktuell stark umworbenen Kreativindustrie sind es vor allem soziale Randgruppen und nicht auf Profit ausgerichtete kulturelle Einrichtungen, die ein hohes Bedürfnis nach Raum haben aber am normalen Mietmarkt keine Chance haben.

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Die Arten der Leerstandsnutzung sind dabei so verschieden wie die bespielten Räume: Während lokale Initiativen wie urban gardening oder Straßenfeste (wie das fairkehrte Fest in Salzburg) Raum der Allgemeinheit umfunktionieren und Interventionen den öffentlichen oder halböffentlichen Raum bespielen, sind es vor allem Nachnutzungen von ehemaligen Industriestandorten, die großes Aufsehen erregen. In Wien fallem einen da vor allem die historischen Beispiele Arena und Wuk ein.

Und in Salzburg?

„Züri brännt, Salzburg pennt!“, hieß es 1981 bei einer Diskussion im Das Kino – kulturelle Entfaltung war für die Stadtverwaltung ein Fremdwort oder wurde als Bedrohung angesehen. Nach der Besetzung des Petersbrunnhofs (heute: Schauspielhaus) und gescheiterten Verhandlungen über das leer stehende Areal am Rainberg, fiel die ARGE 1984 mit Aktionismus (u.a. bei den Festspielen) auf und bekam schließlich das „Kulturgelände Nonntal“ überantwortet. Dass das Bedürfnis nach freien Räumen zur künstlerischen Nutzung auch danach nicht abgeklungen ist, spiegelte sich in der neuerlichen Besetzung der „alten ARGE“ 2005 wider.

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Und nun? Mit einer Intervention in den physischen und digitalen Raum wurde das Problem des Leerstandes aufgegriffen: „Leere“ Plakate an öffentlichen Orten der Kulturstadt (wie etwa am Dom, an der Mozartstatue oder am Festspielhaus) stellten ganz offen die Frage, was denn nun eigentlich Leerstand ist und ob man nicht den Blick von den Zentren der Stadt auf die „Problemzonen“ richten sollte. Die quasi-anonym auf facebook geposteten Fotos (#leersbg) wurden viral – niemand wusste, was sich dahinter verbarg – selbst in Berlin und Venedig klebten Leer-Plakate, Leerstand  – so die message – ist kein speziefisch Salzburger Phänomen.

Der Dornröschenschlaf ist nunmehr beendet. Für eine Zwischennutzung wurde das leerstehende Areal in Schallmoos den jungen Salzburgern überlassen, bevor auch diese Räumlichkeiten renoviert werden sollen. An zwei Tagen (11. & 12. Juni) werden einmalig an diesem Ort MusikerInnen, TänzerInnen und AutorInnen aufeinandertreffen, um gemeinsam etwas Außergewöhnliches und Neues zu schaffen. INTERLAB besetzt dabei nicht nur neue physische Räume, sondern auch die Räume zwischen den Kunstsparten: Nicht nebeneinander, sondern miteinander sollen Kunstwerke entstehen. So werden Auftragsarbeiten vergeben, die genau diese Transdisziplinarität widerspiegeln und Diskussionen zum Umgang mit Leerstand geführt. Inzwischen probiert Marco Döttlinger aus, welche Möglichkeiten dieser ganz spezielle Raum bietet und das Veranstaltungsteam sucht verzweifelt nach einem Wasseranschluss und hofft, hier auch wirklich das Festival veranstalten zu können. Es gibt noch viel zu tun.

Josef Kirchner


interLAB – Festival für transdisziplinäre Leerstandsnutzung

„Leerstand vs. Utopie“ ist das Leitmotiv der ersten Ausgabe von interLAB. Einem partizipativen Diskursprogramm, das tagsüber in Form von Panel-Discussions, Lectures und Publikumsgesprächen stattfindet, wird ein künstlerisches Abendprogramm gegenübergestellt.

Programm und weitere Infos: interlab.at


Dies ist ein veränderter und gekürzter Text. Die Originalversion erscheint am 10. Juni in der uni:press

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