Writing from the heart instead of wasting time with research or experience. Oder: Clippy had a boner.

clppy

Um das gleich klarzustellen: Das ist keine klassische Rezension. Ich hab das Buch gelesen, damit ihr es nicht mehr lesen müsst. Aber ihr könnt natürlich. Denn eines hat mich schon überrascht: Ich könnte es sogar weiterempfehlen. Und es bleiben die Fragen: Was soll das eigentlich? und: Was sagt das über die gegenwärtige Literatur aus?

>> Leonard Delaney – Conquered by Clippy <<

Ich habe lange gehadert, ob ich wirklich Geld ausgeben und somit einen Trend unterstützen will, der mir grundsätzlich zuwider ist. Im Hinblick auf meinen literarischen Fußabdruck hab ich dann gleich um dasselbe Geld ein eBook eines deutschen Nachwuchsautors gekauft. Das Gewissen ist also beruhigt.

Dann bleibt aber noch die Frage: Warum genau dieses Buch? Dem ging ein Scan der eBook-Landschaft voraus. Und Leonhard Delaney scheint das erfolgreiche Erotic-Dinosaur-Thema nochmal auf eine neue Ebene zu heben. Seine drei Bände hatten in diesem Frühjahr einen ziemlich starken impact, wie immer im Genre nicht zuletzt aufgrund der Titel: Taken by the Tetris Blocks, Conquered by Clippy und Invaded by the iWatch bilden die Digital Desires Box, eine erotische Aufbereitung dreier Computer-Generationen, von Gruppensex mit den russischen Bauklötzen bis zur stimulierenden Armbanduhr – und das soll noch nicht alles sein, wie wir noch hören werden. Aber schauen wir uns als Ausblick mal die Rezensionen an, einzigartig wie selten:

„I purchased it with skepticism, but by the end of my reading, I felt like I had been baptised in the sweet nectar of Clippy’s love.“

„The most exciting paperclip-focused erotica I’ve ever read.“

„It’s better than a finger in your eye.

„I haven’t even read it yet, because the bank stole my last two dollars and thirteen cents before adding an overdraft fee, BUT … I’m giving it 5 stars anyway, because I know an unmitigated, literary classic of unbridled carnality, thoughtful character development, and an intriguing story line when I see one!“

„Would you like my assistance?“

Als Kind der 90er erinnere ich mich noch mit Schrecken an die penetrant hilfsbereite Büroklammer – dass ihr markanter Blick auch anders zu deuten ist wird beim eBook-Cover deutlich. Und, um endlich zur Sache zu kommen (ja, wirklich!), die Nostalgie wird erfolgreich bedient werden. Ich weiß nicht (und will es auch nicht herausfinden), ob die Klimax im ersten Buch (ein Prequel, auf das auch skrupellos im Buch verlinkt wird) bei der gleichzeitigen Auslöschung mehrerer Tetris-Zeilen mit einem passenden (phallusähnlichen) Stein gesetzt wird, bei Clippy sitzt diese jedoch.

Der Inhalt ist schnell abgehandelt: Die Hauptprotagonistin (aller Bücher), Christie Aackerlund („… was an independent woman.“ – erster Satz) wird zu einem „alien artefact“ ins Silicon Valley eingeladen, weil sie einen so guten Blog-Artikel über die Tetris-Steine geschrieben hat. (Erster facepalm beim Leser nach einer halben Seite.) Die Art, mit der die Handlung in Bewegung gesetzt wird, ist dermaßen plump und an dem „salt-and-pepper hair“ von Phil Gates (echt jetzt?!) herbeigezogen, dass man nach der ersten Seite, als sie mit Mr. Gates im Helicopter unterwegs zur Ausgrabungsstätte ist, schon jedwede Hoffnung verloren hat.

Es gibt im Grunde drei handelnde Personen (wir kennen sie bereits) – Charakter hat natürlich keine davon, wieso denn auch. Da ist man sogar froh, als nach zwei sehr ermüdenden Seiten, auf denen Clippy dann als Artefakt aus einer längst vergangenen Zeit entdeckt wird, endlich der Übergang zur rund 40% des Textes einnehmenden Sexszene gefunden wird. Dafür muss man aber erst die lästige dritte Person aus dem Handlungsspielraum bringen. Wie geht das? Indem der werte Herr Gates so laut „Wow“ ruft, als er in der Ausgrabungsstätte einen alten Serverraum entdeckt, dass die Regale ins Schwanken kommen und ihn begraben. Was kommen musste: „Would you like my assistance?“

Durchhalten, jetzt geht es erst los…

1/3 der Personage ist gerade gestorben (Achtung Spoiler: hier kommt noch ein für den Leser qualvoller Plot-Twist am Ende), die rothaarige Schönheit wurde von der Klammer gerettet, die ihrerseits einen leichten Kopfschaden davongetragen hat, aber: „I do still want to assist you […] but it’s no longer because of my programming.“ Zwei Zeilen explizite Beschreibung, dann: „Clippy had a boner.“

Es kam wie es kommen musste: „You already helped me by saving my life. How about I help you for once?“ Hier liegt die Stärke des Buches, die der Autor ausgiebig ausspielt: von „I’m microhard“ bis „She felt both of her holes fill up with whatever substance paperclips emitted“, auch der charakteristische Klang der Klammer wird selbstverständlich in den Akt eingebaut und damit auch niemand etwas falsch verstehen kann, wird alles absurd explizit beschrieben: „Her own human part (vagina) felt hot too.“ In der multiblen Klimax werden auch die häufigen Empfindungen gegenüber der Word-Büroklammer verarbeitet: mehrmals „‚Would you like me to assisst…‘ – ‚Shut the fuck up!“ aber kurz darauf: „‚Would you like – ‚Yes, Clippy! Assist me! Assist me hard!'“

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Alles was danach kommt, ist mindestens so wahnwitzig wie der Handlungsbeginn: Clippy ist nur einer von mehreren Assistenten, hat Christie nur benutzt und Phil Gates is gar nicht tot, weil Roboter. Das Clippy-Kapitel wird folgerichtig abgeschlossen: „If I want help, I’d ask for it. […] You want to be useful? Be there if I need you, but otherwise, stay out of my way.“ (Es folgt noch, man kann es sich denken, der Link zur Fortsetzung)

And 12 points go to…

Die Büroklammer wurde also nochmal ausgegraben um ihre Geschichte nachzuerzählen. Das bisschen Recherchearbeit fließt gut ein, aber außer der Verwendung von Buchstaben und Wörtern eint die Kurzgeschichte nichts mit Literatur, die sie vorgibt zu sein. Dennoch: Die omnipräsente Absurdität und die scham- und skrupellosigkeit, mit welcher diese vorgetragen wird, machen den Text zumindest unterhaltsam. Es sind diese „WTF?!“-Momente, die mich dazu veranlassen würden, vereinzelt diesen Text auch weiterzuempfehlen – aber da kommt noch ein anderer Aspekt hinzu:

Dieses eBook ist eigentlich ein Gesamtkunstwerk. Bestes Beispiel ist die Kurzbio, die Gepflogenheiten der Textgattung mal schnell ihre Absurdität aufzeigt:

Leonard Delaney writes from the heart instead of wasting time with research or experience. His publications thus far have earned him several dollars in royalty payments. Living a clean lifestyle has allowed him to focus on doing good in school, honing his writing, and taking a course on spreadsheets every Friday night. He lives well outside of Toronto with his mother and her cat while maintaining a long-distance relationship with his girlfriend, Misty (aka Éowyn16), who he really wishes would respond to his Snapchats, and is beginning to think is dead, but he remains hopeful for a future with. His ultimate goal is to top the e-book charts on web site Amazon.com.“

Der letzte Satz zusammen mit dem Autorenfoto verstärkten in mir den Verdacht, es könnte sich um eine künstlerische Intervention des eBook-Marktes handeln. Zusammen mit einem anderen Autor gründete er vor drei Jahren in London (Ontario) ein Kunstkollektiv (?): „Forest City Pulp publishes provocative content by provocative writers.“ Man muss feststellen, dass die Jungs nicht nur Kurzgeschichten sondern auch „Bücher“ veröffentlicht haben. Mein Favorit: Sex Boat. An erotic novella about sex … on a Boat – vielleicht aber auch Motherfucking Wizards (Delaney: „It’s sort of Harry Potter meets The Matrix meets bukakke videos.“)

In Interviews (u.a. – wie könnte es anders sein – in Men’s Health) legte der Autor (dessen agegebener Name nur ein Pseudonym sein kann) vor kurzem seine Motivation zum Schriftstellertum dar:

„As a freelance novelist, I often feel like an underdog myself, and I like to believe that everybody—man or woman, big or small, physical or digital—should have a chance to take part in erotically sexual adventures. […] You could say Conquered by Clippy has been 15 years in the making. I encountered Clippy on a computer that my mother brought to me when I was a small boy, and immediately saw his potential as a multifaceted erotic presence.“

„A lot of people bought my books because they truly wanted to crank their hogs, slam their clams, or snapple their fucknuggets. […] It’s not like living paperclips are inherently sexy. The thrill is in the taboo. From an early age, regarding paperclips and other office supplies, we are always told, “Don’t fuck it!” Stories like Conquered By Clippy tap into that deep-seated desire to explore things that were never meant to be explored.“

„We are in a blissful modern age in which digital objects are being created faster than I can write stories about fucking them. I can, and will, do this forever.“

Hab erbarmen, da kommt noch mehr?

Das Gesamtkunstwerk setzt sich anscheinend in seinem neuesten Buch, Invaded by the iWatch, fort („She was so wet that her whole hand slid into her docking station of pleasure.“) – muss man es gelesen haben? Vermutlich nicht. Muss man den Autor kennen? Wer weiß. Und was sagt das über die Literatur der Gegenwart aus? Nichts gutes, würd ich sagen.

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Tatsächlich wird der eBook-Markt seit Jahren von reißerischen Titeln und Erotik-Kurzprosa dominiert. Das Ziel, damit die Amazon-Weltherrschaft an sich zu reißen, ist also kein unmögliches. Muss sich deshalb aber jedes eBook dem Trend unterwerfen? Natürlich nicht. Wär ja noch schöner. Aber man kann vielleicht etwas davon lernen und wenn es nur die Formulierung eines klaren Zieles ist, das man mit dem Schreiben verfolgt.

Außerdem muss man nicht jede Literatur so bierernst nehmen, wie häufig gemacht wird. Eine satirische Antwort auf Tendenzen des Marktes – auch wenn man sich dabei gleichzeitig gewissermaßen diesem unterwirft – hat genauso ihre künstlerische Daseinsberechtigung. Vielleicht ist Leonard Delaney im Grunde kein schlechter Schreiber und hat klug seine Vorteile daraus gezogen – oder er erkannte die Möglichkeiten des eBook-Marktes und begann deshalb zu schreiben. Alles nicht allzu verwerflich – aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Josef Kirchner

Beitragsbilder (c) forestcitypulp.com, mashable.com

P.S.: In einer online-Abstimmung, mit welchem digitalen Assistenten bzw. mit welcher Assistentin mal gerne was hätte führt übrigens Siri meilenweit vor allen anderen, Clippy muss sich mit dem letzten Platz begnügen.

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