freiTEXT | Jimmy Brainless

Familienplanung

 

Seitdem Saskias Periode ausgesetzt hat, pinkelt sie jeden Morgen in einen Becher. Ich ziehe den Urin dann in einer Spritze auf und injiziere ihn unseren Fröschen in den dorsalen Lymphsack. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang.

Seitdem wir ein Kind bekommen wollen, setzen wir noch mehr auf Natürlichkeit als sonst.

Wir wollen, dass unser Kind in einer natürlichen Umgebung aufwächst und dazu gehört es eben, dass man einen richtigen Bezug zur Natur hat. Ein Freund von uns, der als Kindergärtner arbeitet, hat uns erzählt, dass bei ihm in der Gruppe mal ein Kind begonnen hat zu weinen, als es am Waldboden gegangen ist, weil es so Angst vor der Erde gehabt hat. So etwas soll unserem Kind bitte schön nicht passieren.

Wir wollen einen gesunden Umgang mit der Natur. Einen natürlichen Umgang mit der Natur. Einen inklusiven Umgang mit der Natur. Deswegen verzichten wir auch jetzt schon auf industrielle Hilfsmittel, wie zum Beispiel Schwangerschaftstests, um den großen Konzernen, die unsere Welt sowieso schon zu Genüge zerstört haben, nicht noch mehr Geld zuzuspielen. Vom ganzen Plastik- und Verpackungsmüll gar nicht zu sprechen.

Anfangs haben wir uns ja noch an die Getreide-Methode gehalten, da haben wir immer, wenn Saskias Periode ausgesetzt hat, Weizen- und Gerstenkörner in einen Stoffsack mit ihrem Urin beträufelt. Wenn die Körner zum Sprießen angefangen hätten, wäre Saskia schwanger gewesen.

So hat man das eben früher im alten Ägypten gemacht. So natürlich sind die Menschen damals gewesen.

Leider hat dieser Sack nach kurzer Zeit furchtbar zum Stinken angefangen und zudem haben sich auch Motten eingenistet, da haben wir uns gedacht: Natürlichkeit hin oder her, wenn etwas Natürliches so zum Stinken anfängt und so ekelig wird, dass man sich beim Anblick und beim Geruch beinah anspeiben muss, kann es nicht mehr so wahnsinnig natürlich sein.

Da habe ich etwas resigniert gemeint: „Du, Saskia, wenn man unbedingt wissen will, ob man schwanger ist, ist es nicht am einfachsten und natürlichsten, wenn man einfach wartet?“

Aber Saskia ist so erpicht darauf, endlich Mutter zu werden, sie will nicht mehr warten, sie will es so schnell wie möglich wissen, damit sie so früh wie möglich beginnen kann, eine gute Mutter zu sein.

Zum Glück haben wir dann etwas Neues gefunden. Etwas, das sogar noch natürlicher ist als das Getreide-Pinkeln.

Und zwar sind wir auf den Apothekerfrosch gestoßen. Ein ganz natürlicher Krallenfrosch aus Südafrika, dem man, wie eingangs erwähnt, mithilfe einer Kanüle einfach Urin injiziert.

Der Vorgang ist wirklich ganz einfach und natürlich. Bei Weibchen muss man nach der Injektion lediglich beobachten, ob sie innerhalb von 24 Stunden ablaichen, bei Männchen nimmt man einfach nach einigen Stunden eine Probe aus dem Genitalbereich, um sich unter dem Mikroskop anzusehen, ob eine Spermatorrhoe stattgefunden hat. Wie gesagt, ein vollkommen natürlicher Vorgang, die Frösche müssen weder seziert noch sonstigen Qualen ausgesetzt werden.

Früher ist es ja gang und gäbe gewesen, damit Schwangerschaften festzustellen – bis in die 1960er Jahre ist diese Methode viel praktiziert worden. Dann hat diese lästige Pharma begonnen, auch diese Natürlichkeit mit ihren Plastik-Schwangerschaftstest-Müll aus dem Alltag der Menschen zu verdrängen.

Wie nett muss es damals gewesen sein? In jeder Apotheke ein paar Frösche, die fröhlich quaken, wenn Kund:innen hereintreten und einem dann netterweise auch noch Bescheid geben, wie es um eine potentielle Schwangerschaft steht. Kein Wunder, wenn die Leute sagen, früher ist alles besser gewesen.

Natürlich haben wir gleich mehrere Krallenfrösche vom Tierfachhandel unseres Vertrauens aus Südafrika importieren lassen, denn wenn man nur einem Frosch ständig Urin injizieren würde, wäre das ja vollkommen unnatürlich und auch unfair diesem einen Frosch gegenüber. Wieso soll dieser eine Frosch all die Arbeit machen, wenn es eh noch so viele andere Frösche gibt, die genauso arbeitsfähig wären?

Außerdem, und der Einwand ist zugegebenermaßen von Saskia gekommen, haben es die Frösche ja sicher auch viel netter, wenn sie in Gesellschaft ihr Leben im Terrarium bei fixen Futterzeiten genießen können. Das ist jetzt nicht so natürlich, das stimmt, aber wir haben uns gedacht, wir würden unseren kleinen Froschfreund:innen zum Dank für ihre wertvolle Arbeit auch gerne etwas für ihr Wohlbefinden ermöglichen.

„So eine kleine, süße Frosch-Kommune“, hat Saskia kurz nach ihrer Ankunft mütterlich geseufzt und ihre Hand zärtlich auf ihren Bauch gelegt, als ob da schon ein Baby drin wäre. „Sie wünschen sich ja auch nichts anderes als eine Familie sein zu dürfen. So wie wir.“

Und ich habe genickt und mit einer kleinen Zange zappelige Schlammröhrenwürmer aus einem kleinen Döschen geholt und den Fröschen in ihr Terrarium gelegt. Und ich habe mich dabei gefreut, wie natürlich und organisch alles bei uns zugeht.

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase haben die Frösche zu quaken angefangen. Rund um die Uhr.

Sie sind nicht mit Wasserflöhen, Enchyträen, Drosophila oder ihrem Lieblingsessen, den Roten Mückenlarven, zu beruhigen. Sie quaken leidvoll und schrill, sind nimmerstill und rauben uns den Schlaf.

Wir haben einander versichert, dass unser Bewusstsein für Natürlichkeit natürlich auch einen Preis hat und wir das einfach durchstehen müssen, aber es wird und wird nicht besser.

Wir haben versucht herauszufinden, was den Fröschen fehlt, haben ihnen mit Linierpinsel liebevoll den Kopf gekrault, ihnen mit einfühlsamen Fingerspitzen den Rumpf massiert, aber die Frösche verschließen sich trotzig in ihrer amphibischen Unnahbarkeit und äußern sich ausschließlich onomatopoetisch.

Nach mehreren Tagen sind die Quaker sogar noch eindringlicher und ohrenbetäubender geworden, sodass Saskia – offensichtlich gestört in ihrer sonst Ruhe ausstrahlenden Mutterrolle – wütend und genervt den Lichtschalter zum Terrarium in die Hand genommen hat und in einem hysterischen Anfall den Fröschen innerhalb kürzester Zeit ihr Licht mehrmals an- und ausgeknipst hat. Und bitte fragt nicht warum, aber die Frösche haben aufgehört zu quaken. Für einige Minuten zumindest. Wir vermuten, dass das Blitzlicht bei den Fröschen eine Art epileptischen Zustand ausgelöst hat und sie für einige Zeit dann einfach unter Schockstarre gestanden sind.

Seitdem teilen wir uns die Nacht in Schichten auf, in der einer schlafen darf und der andere beim Terrarium sitzt und das Licht so oft wie notwendig ein- und ausschaltet.

Wir haben natürlich überlegt, ob das nicht auch durch eine Zeitschaltuhr, die sekundenweise getaktet ist, zu lösen wäre, aber es käme uns etwas herzlos und unnatürlich vor, unsere wertvollen Frösche einfach mit einer Maschine abzufertigen.

Gerade für sie, die so sehr um unsere Aufmerksamkeit ringen, wollen wir da sein.

Unser Kinderwunsch hat sich im Übrigen zwei Wochen nach der Ankunft von den Fröschen wieder gelegt. Dafür haben wir begonnen, ihnen Namen zu geben.

 

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Jimmy Brainless

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mosaik36 - Eine Wohnung mit Zukunft

mosaik36 - Eine Wohnung mit Zukunft

Winter 2022

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INTRO

Wir wohnen seit zehn Jahren im bedruckten Papier.
Literaturzeitschrift.
Eine Zeitschrift mit Zukunft.
Hier wollen wir alt werden.

Man macht das eigentlich nicht, aber wir hoffen auf Milde aufgrund unseres Alters: Wir haben uns für diesen Einstieg einer Textstelle von Pia Schmikl (S. 20) bedient und an unsere Situation angepasst. Es ist nämlich so, dass wir dieser Tage das zehnjährige Jubiläum der mosaik1 feiern. Und es ist auch so, dass wir traditionell lieber nach vorne als zurück blicken. Vor zehn Jahren haben wir das nicht gemacht: Niemand hat sich überlegt, was wir dereinst beim 10-jährigen Jubiläum wohl machen sollen. Und so feiern wir unseren ersten runden Geburtstag etappenweise: In dieser Ausgabe findet ihr ein paar wenige, ausgewählte Texte, die uns besonders in Erinnerung geblieben sind. Im Herbst werden wir mit euch allen gemeinsam ein mosaik-Fest feiern. Und dann fällt uns sicher noch weiterer Jubiläums-Schabernack in diesem Jahr ein.

Und gleichzeitig blicken wir weiter in die Zukunft – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es warten spannende Projekte auf uns: Bücher, Kooperationen und neue Ideen! Aber gleichzeitig hat sich auch nach zehn Jahren wenig an der prekären Situation des Projektes mosaik geändert. Wir arbeiten gerne und nur von Idealismus getragen – hinterfragen diese Praxis aber immer öfter und fragen uns, wie es weitergehen kann.
Bevor wir jetzt aber selber zum Partycrasher oder zur Spaßbremse werden, wünschen wir euch viel Freude mit dem neuen Heft. Aber nicht vergessen: „Lesen ist eigentlich asozial.“ (Stefanie Stegmann, S. 82)

euer mosaik

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Inhalt

Spezial: 10 Jahre mosaik

Stell dir vor, du kommst nach einer Lesung ins Gespräch: Was es bräuchte, wäre eine stärkere Förderung junger und neuer Autor*innen, am besten mittels einer Zeitschrift! Man beschließt die Gründung einer solchen. Gefühlt drei Tage später feiert man das 10-jährige Jubiläum.

Wir sind keine großen Freund*innen von Sentimentalitäten, aber wir erinnern uns in dieser Ausgabe sehr gern zurück, haben Wegbegleiter*innen des mosaik gefragt, an welche Texte sie sich erinnern, welche hängen geblieben sind – und präsentieren eine nicht repräsentative Auswahl auf den ersten Seiten. Nur original auf kariertem Papier (wie bei mosaik1). Viel Freude mit dem bisschen Nostalgie.

Wellengang oder Geflüster

Pia Schmikl – Ein Fisch kennt keine Angst vor dem Ertrinken
Georg Großmann – Altokumuli | Einige Pilzarten
Stefanie Nebenführ – Das Haus
Sigune Schnabel – Kindheit
Giovanna-Beatrice Carlesso – Der Hase rennt

dringende seelenstoffe

Elke Steiner – ich schenke dir mein natternhemd
Christina König – Gegenüber
Jimmy Brainless – Der Eiswürfel
Ronja Lobner – mein letzter rest

halb Wunschvorstellung

Leo Lemke – Der Wasserwandler
Signe Ibbeken – Kurz vor Glücksstadt
Hannah Beckmann – Dunkel, Linie, Dunkel
Vera Hohleiter – Fundstücke
Anja Bachl – Kaleidoskop

Kunststrecke von Ursula Wimmesberger
BABEL – Übersetzungen

Miklós Radnóti, geboren am 5. Mai 1909 in Budapest, war ungarischer Dichter jüdischer Abstammung. Sein Werk war beeinflusst von der tschechisch-ungarischen Avantgarde und dem französischen Expressionismus. Seine Tätigkeit als Handelskorrespondent im Unternehmen seines Onkels legte er 1930 nieder, um Ungarische
und Französische Philologie zu studieren. Im selben Jahr veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband ‚Pogány köszöntő – Heidnischer Willkommensgruß‘.

Der zweite Gedichtband wurde aufgrund des Vorwurfs der Obszönität verboten und brachte ihm beinahe eine Haftstrafe ein. In den frühen 1940er Jahren wurde er zur Zwangsarbeit eingezogen und schließlich nach Bor im heutigen Serbien deportiert. Bei einem Gewaltmarsch Anfang November 1944 kollabierte er nahe der österreichisch-ungarischen Grenze und wurde mit 21 anderen Mithäftlingen hingerichtet. Sein Leichnam konnte später in einem Massengrab identifiziert werden. Bei sich trug er ein Notizbuch mit seinen letzten Gedichten. Darunter den hier vorliegenden Zyklus ‚Razglednicák‘.

Miklós Radnóti – Homály / Dämmerlicht
– Két karodban / In deinen Armen
– Razglednicák / Razgledinicen

[foejәtõ]

Wo findet (denn eigentlich) Literatur statt? Im Kulturteil setzen sich diesmal gleich mehrere Texte mit möglichen, neuen und sinnstiftenden Orten der Literatur, von Lesungen, von Gesprächen über Kunst auseinander: Raoul Eisele bewandert den urbanen Raum, Hartmut Hombrecher und Martin Peichl beleuchten jeweils innovative Ideen und Umsetzungen von unabhängigen Lesereihen, Stefanie Stegmann berichtet im Interview von ihrer zwischen/miete – Lesungen in WGs!

Kreativraum mit Friedrich Rücker

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