Jüdischer Cowboy-Humor aus Texas

 Ein zerfurchtes, faltiges Gesicht mit einem breiten Schnurrbart, die obligatorische Zigarre im Mund, ein schwarzer Cowboyhut; die wohl coolste Cowboyhut-Oberlippenbart-Kombination seit dem legendären Lee van Cleef betrat am 1. März 2015 die Bühne des kleinen Saals im Linzer Posthof.

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Kinky Friedman im Posthof, Linz, 1. März 2015

Kinky Friedman ist hierzulande nicht allzu bekannt. Das ist wirklich schade. Denn der mittlerweile siebzigjährige, als Richard Friedman geborene Texaner, ist eine lebende Legende. Er verbindet jüdischen Humor mit Country & Western und politischem Kabarett. Er war der erste Jude, der in den heiligen Hallen der Country-Music, der Grand Ole Opry in Nashville, auftrat, mit seiner Band „The Texas Jewboys“ (eine Anspielung auf die Texas Playboys von Bob Wills, der mit seiner Mischung aus Country und Jazz in den 1930/40ern einer der populärsten Musiker der USA war). Seine schrägen Kriminalromane um einen gescheiterten Country-Musiker, der sich als Detektiv in Nashville durchschlägt, sind Bestseller. Und 2006 kandidierte er für das Amt des Gouverneurs von Texas. 13% der Wahlberechtigten hätten ihn damals gerne als den ersten jüdischen Gouverneur des Lone Star States gesehen.

In Linz brachte er seine Klassiker zum Besten, Lieder zum Lachen und zum Nachdenken. Songs wie „Waitress, please waitress, sit on my face(book)“, „Sold American“, „Asshole From El Paso“ oder „They Ain’t Making Jews Like Jesus Anymore“. Lieder, in denen er Doppelmoral, Kapitalismus und Rassismus in der US-amerikanischen Mentalität anprangert, gewürzt mit einer ordentlichen Dosis Poesie und Humor. „Ride’em Jewboy“ keine 30 km vom ehemaligen KZ Mauthausen zu hören war sehr bewegend. Das Lied thematisiert den Holocaust und den Antisemitismus, den Juden über die Jahrhunderte hinweg ausgesetzt waren. Berührend auch, wenn man weiß, dass dieses Lied zu den Lieblingsliedern von Nelson Mandela gehörte, der es sich während seiner Haft auf Robben Island immer wieder auf Kassette angehört hatte.

Dazwischen erzählte er über seine Tourneen mit Bob Dylan, Sauftouren mit Eric Clapton, Grasrauchen mit Willie Nelson; trotzdem (oder gerade deswegen?) ist er ein überzeugter Zigarrenraucher, und wenn, so wie im kleine Saal im Posthof, Rauchverbot herrscht, hat er die Zigarre eben unangezündet in seinem Mund. Natürlich durfte auch die Anekdote nicht fehlen, wie er einmal mit kubanischen Zigarren bei Bill Clinton im Weißen Haus aufgekreuzt war. Der damalige Präsident, selbst Zigarrenfan, zögerte zunächst, ob er das Rauchwerk aus dem Lande des mit einem Handelsembargo belegten Erzfeindes überhaupt annehmen sollte, doch Friedman meinte nur: „Wir unterstützen nicht ihre Wirtschaft, Mr. President. Wir verbrennen ihre Ernte!“ Obligatorisch auch das Glas Whiskey auf der Bühne, dessen Inhalt sich zwischen den Liedern allmählich leerte. Und natürlich durften auch seine bitterbösen, schwarzhumorigen Bonmots, Weisheiten und Kommentare nicht fehlen, Sätze wie: „Der Unterschied zwischen einem Gangster und einer Bank – ein Gangster wirft keine Familien aus ihren Häusern.“ Oder: „ ‚Jesus liebt dich‘ können sehr tröstliche Worte sein, außer man hört sie in einem mexikanischen Gefängnis.“ Und in Anspielung auf den Holocaust: „Kein Wunder, dass die Welt glaubt, die Deutschen hätten keinen Humor. Schließlich haben sie alle ihre guten Komiker umgebracht.“

Solche Bemerkungen können bisweilen zu Irritationen führen. Eine Begebenheit aus dem Jahr 1974 zeigt, dass sein subtiler Humor auch schon einmal gründlich missverstanden wird. Für sein Lied „Get Your Biscuits In The Oven And Your Buns In The Bed“ bekam er von einer Frauenrechtsorganisation in besagtem Jahr den Titel „Male Chauvinist Pig of the Year“ verleihen. Einmal wurde während eines Konzerts der Texas Jewboys die Bühne von einem Mob wütender Feministinnen gestürmt, die auf die Musiker einprügelten und Instrumente und Tontechnik zerstörten. Dabei kritisierte Friedman in dem Song gar nicht die Frauenbewegung an sich. Er hinterfragt eher die Sinnhaftigkeit von Flugblättern und öffentlichen Diskussionsrunden, solange die Feministin ihren Ehemann daheim genau das chauvinistische Arschloch sein lässt, gegen das sie in der Öffentlichkeit protestiert. Als Meister der Ironie betont der „Kinkster“ bis heute, dass er auf diese Auszeichnung wirklich stolz ist. Und, quasi als verspätete Pointe, war ausgerechnet er es, der bei seinem Wahlkampf für die Gouverneurswahl als einer der ersten Politiker in den USA überhaupt, die für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen und die Gleichberechtigung Homosexueller eintrat.

Er gab weiters eine Leseprobe aus seinem Buch „Heroes Of A Texas Childhood“, in dem er sich mit bekannten und unbekannten Personen der texanischen Geschichte und Gegenwart befasst. Cowboys, Künstler, Rebellen, Politiker, Trapper, Bürgerrechtler; eine afroamerikanische Kongressabgeordnete im Rollstuhl, ein mexikanischer Reiterkurier, ein Indianerhäuptling, und viele mehr. Friedman schildert seine texanische Heimat in jener Buntheit und Vielfalt, die Republikaner- und Tea-Party-Kreise nur allzu gerne unter der Decke puritanisch-konservativer Konformität verschwinden lassen möchten. Dabei bewies der Kinkster, dass er nicht nur ein begnadeter Songwriter und Humorist ist, sondern auch ein hervorragender Wortkünstler. Die vorgelesene Kurzgeschichte „The Navigator“ handelt von seinem Vater, der im Zweiten Weltkrieg als Navigator eines US-Bombers diente.

„Find a thing you like and let it kill you“ schrieb er mir als Widmung auf seine CD „Bi-Polar-Tour“. Bei Kinky Friedman wird das vermutlich einmal entweder der Whiskey oder die Zigarren sein. Aber hoffentlich noch nicht allzu bald, denn Texas, die USA und die Welt brauchen Querdenker wie ihn heute mehr denn je!

Andreas Haider

Friedman

 

Interview im Standard (8.5.2013)

Kinky Friedman: Heroes Of A Texas Childhood | Medina, Texas (Kismet Press) 2009.

 

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