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„Wir sind zu alt für diesen Scheiss!“ – Lesereise Bayern

Weil man ja auch mal raus muss haben wir kurzerhand Lisa Viktoria Niederberger und Marko Dinic eingepackt und sind auf Schweinsbraten-Tour zu unseren bajuwarischen Nachbarn gefahren. Unzählige Zugstunden, Frühstücke am Nachmittag und das beständigen Suchen nach öffentlichem W-Lan später kamen wir zu dem Schluss: So ein Rockstardasein ist nicht leicht.

Inklusive Texten von Alke Stachler, Lisa Viktoria Niederberger und Franziska Baur.

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Die Lesereise in Zahlen

  • 637 Kilometer Zugfahrt in 8:32 Stunden
  • 48 mal folgende Frage an wechselnden Orten: „Gibbs do Wee Lan?“
  • 22 neue Wörter gelernt („Was heißt denn ‚pfriemeln‘?“ – „Kletzln.“ – „Aha. Und was heißt ‚kletzln‘?“)
  • 14 Beiträge von 7 AutorInnen an 3 Tagen in 3 Städten
  • 1 abgebrochener Zahn
  • 0 konsumierte Schweinsbraten (eine Schande!)

Abend 1: München

Zu Gast im Salon Irkutsk – bei Borschtsch, Wodka und alten Bekannten. Zumindest empfanden wir so die Stimmung. Vielleicht lag das an den Autorkollegen vor Ort, die uns besucht haben. Auf der Barhocker-Bühne wurden wir unterstützt von Ricarda Kiel, Franziska Baur, Katrin Baumer und Fabian Bross.

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Abend 2: Pfaffenhofen

Den Schwung des ersten Abends konnten wir nicht ganz in den nächsten Tag mitnehmen. Wir wussten nicht genau, woran es lag, aber zumindest teilweise hatten wir noch Nachholbedarf in Sachen Schlaf während andere vergeblich offenes W-Lan in der 25 000 Einwohner-Stadt suchten. Und plötzlich stehst du vor einem riesigen Banner an der Hauswand des Kreativquartiers „Alte Kämmerei“.

Nur zwei Lesende bedeutete die stärkere Konzentration auf die vorgetragenen, längeren Texte und eine intensivere Diskussion im Anschluss. Marko führte die PfaffenhofenerInnen auf einen Spaziergang durch Salzburg und Lisa entschied sich spontan, noch einmal eischlofn aus X zu lesen. Krönender Abschluss: das Single-Kassetten-DJ-Set.

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Abend 3: Nürnberg

Nürnberg soll ja schön sein. Tja, wir nahmen die Stadt im klassischen Tournee-Stil wahr: Ankunft – Hotel – Auftritt – Party. Das Team des Salon Regina empfing uns mit offenen Armen und ermöglichte uns einen überaus angenehmen Abschluss. Neben Franziska, Katrin und Fabian stieß auch Alke Stachler aus dem benachbarten Augsburg dazu und ergänzte den abwechslungsreichen und gemütlichen Abend.

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Die Texte

Als Nachlese noch eine kleine, lose Sammlung von Texten der Tour von Alke Stachler, Lisa Viktoria Niederberger und Franziska Baur.

 

Alke Stachler

eines tages wachst du auf und spürst, deine seele hat den körper einer qualle, eines fragilen feenwesens ohne augen oder hände, mit freigelegtem bläulichem innern. und deutlicher als dir lieb ist fühlst du                       ihre fadenartigen gliedmaßen sich im nichts abstoßen, sich kräuseln wie um etwas zuzunähen, das wasser, dich, sie ist fast ohne konsistenz, ein pures, von allem abgeschältes pulsieren, ein schlag ohne herz. ihre durchsichtigkeit lässt dich zusammenzucken, die deutlichkeit ihres absolut fehlenden gewichts


 

Lisa Viktoria Niederberger

Da, wo der Kopf anfängt und der Hals aufhört

Ich zünde mir die gefühlte hundertste Zigarette des Abends an und blicke wieder zu Katinka. Schon seit mindestens drei Jahren sehe ich ihr mehrmals die Woche beim Arbeiten zu, habe sie nie wirklich beachtet, sie nicht als schön oder aufregend wahrgenommen, bis vor Kurzem. Plötzlich fällt mir auf, wie sie es schafft, Anmut und Eleganz, mit einem Hauch von Keckheit in die einfachsten Handlungen zu legen. Auch jetzt muss ich sie anschauen, muss bewundern, wie sie mit ihren kleinen Fingern das Bierglas nimmt, es locker von der linken in die rechte Hand wirft, es mit der Gläserdusche kurz mit Wasser ausspült, den Kerl der es bestellt hat leicht anlächelt, und dann unter den Zapfhahn hält. Katinka legt dabei immer den Kopf leicht schief, so als würde sie dann besser sehen können, wie das Bier ins Glas sprudelt. Manchmal beißt sie sich dabei auf die Unterlippe, das Gesicht angespannt in purer Konzentration. Mit den Hüften wackelt sie im Takt zur Musik. Nicht kokett, nicht aufdringlich, mehr so, als würde sie es genießen, als würde sie Spaß haben, so als würde sie gerne tanzen und müsste sich zusammenreißen, es nicht zu tun. Und gerade diese Zurückhaltung in der Bewegung macht sie so erotisch.

Katinkas Haare sind braun und lockig, sie hängen ihr bis über die Schultern. Anhand von Katinkas Locken kann man feststellen, ob sie einen stressigen Arbeitsabend hat, oder nicht. Geht es locker und gemütlich zu, dann sind es eher Wellen. Ist der Laden brechend voll, beginnt sie zu schwitzen und ihre Locken ziehen sich zusammen, werden eine richtige Krause.

Vor drei Wochen habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, wie Katinka wohl nackt aussieht, welche Unterwäsche sie wohl trägt unter dieser langweiligen und unförmigen Bluse mit dem aufgestickten Lokallogo, die sie immer anhat, wenn ich sie sehe. Ich bin im Bett gelegen, und der Gedanke war da. Jana ist auf meinem Oberkörper gelegen, hat geschlafen, mit dem Arm um mich, ich hellwach und mit den Gedanken wo anderes, habe mir gedacht, dass das falsch ist, dass ich das nicht kann, dass ich das nicht darf, man das nicht tut. Und trotzdem bin ich ins Bad, hab mich eingeschlossen und mit der Hand in meiner Boxershort überlegt, welche Farbe wohl Katinkas Brustwarzen haben und ob sie diese wohl lieber sanft geleckt oder fest gebissen bekommt. Hab dann die klebrige Boxershort beschämt die Waschmaschine gestopft, in den Spiegel gesehen und hätte mir gerne eine reingehauen, weil ich das doch nicht tu, weil ich nicht der Typ bin, der sich nachts heimlich im Bad einen runter holt, dabei an eine Fremde denkt, wo er doch eine Frau im Bett liegen hat, die er liebt und begehrt. Und wie ich mich dann zurückgelegt habe, extra nahe an Jana, zu ihr unter die Decke statt unter meine eigene, hab ich beschlossen, ich geh da nie wieder hin, ich such mir ein anderes Lokal, ich kann das nicht.

Ich bin betrunken gewesen, hab mich an der Bar kurz ausgeruht, den Kopf auf den Tresen gelegt und das kühle Holz an der Wange gespürt. Und dann plötzlich, Katinkas Hand. In meinen Haaren, an meiner Kopfhaut, da hinten wo der Kopf anfängt und der Hals aufhört. Eine unschuldige Berührung, ein kurzer Griff, nur mit den Fingerkuppen. Und trotzdem hab ich sie sofort überall gespürt, den Kopf hochgerissen, sie angestarrt. Sie hat nichts gesagt, ich hab nichts gesagt. Aber ihre Mundwinkel haben sich leicht nach oben gezogen, sie hat gegrinst und mich nicht nur angesehen, sondern in mich hinein.

Seit drei Wochen drehen sich meine Gedanken im Kreis. Ich wache auf und denke an Katinka, drehe das Radio an, höre ein Lied und frage mich, ob Katinka dazu wohl auch so sanft mit dem Arsch wackeln würde. Hab mir dutzende Male vorgenommen, sie auszublenden, mich lieber zu fragen, warum das denn auf einmal so ist. Dass mir diese Frau jahrelang doch egal gewesen ist, niemand mehr für mich gewesen ist, als die Barkeeperin mit dem lustigen Namen, die mir Samstagabend mein Bier hingestellt hat und mit der ich hin und wieder ein paar Sätze gewechselt habe, wenn meine Kumpels sich verspätet haben. Ob das nicht eigentlich mehr über mich aussagt, als über sie, oder über Jana, mich und Jana, ob bei uns was anders ist auf einmal, es fällt mir nichts ein. Aber mein Hinterkopf beginnt zu Kribbeln.

Seit drei Wochen nehme ich mir vor, ich geh da nicht mehr hin. Und trotzdem sitze ich wieder hier, da an Katinkas Bar, da wo ich immer sitze.

Katinka trägt einen kleinen Aluminiumkübel voller Eiswürfel an mir vorbei, ich rieche schwach ihr Parfum. Sie singt leise mit.

Und da sind wieder diese Bilder, die nicht sein sollten: Ich sehe Katinka neben mir auf dem Beifahrersitz, das Fenster ist offen, ihre Locken zerzaust vom Fahrtwind, sie hat ihre Beine nach draußen gesteckt. Ihre Zehen sind winzig, die Nägel rot lackiert, die Füßen liegen auf dem Seitenspiegel. Ich fahre über kroatische Landstraßen, vorbei an halbfertigen Häusern, Olivenhainen und Ziegenherden. Aus dem Boxen dröhnt, wie hier im Lokal, Creedence Cleerwater Revival. Und im Gegensatz zur echten Katinka, die eigentlich gar nicht richtig singt, sondern nur den Text mitflüstert, während sie gerade einer Gruppe Jungs in Superheldenkostümen Jägermeister über die Bar reicht, singt die Fantasie-Katinka lautstark, sieht mich dabei von der Seite an, lächelt und legt mir die Hand auf den Oberschenkel. Fantasie-Katinka und ich fahren von der Hauptstraße ab, in einen kleinen Feldweg hinein, wo wir uns unter einem Feigenbaum in die Wiese legen. Wir würden dort bis zur Nacht liegen bleiben, irgendein lauwarmes einheimisches Bier trinken. Ich würde zu ihr sagen, schau mal, Katinka, die Milchstraße, man sieht sie hier besonders gut, weil es viel dunkler ist, als bei uns zuhaue und ihr dann meinen Schwanz in den Mund stecken.

Mir wird der Mund trocken, als ich mein Bierglas hebe, bin ich ganz verwundert, dass es leer ist. Das ist neu, das passiert uns normalerweise nie, mir und Katinka, weil sie das eigentlich weiß, dass sie mir so lange ungefragt ein neues hinstellen kann, bis ich sage, du, danke, es reicht für heute. Sie sieht auch nicht in meine Richtung, trinkt gerade Schnaps mit zwei Mädels mit denen sie sich den ganzen Abend schon immer wieder kurz unterhalten hat. Sie hat mich auch noch nicht gefragt, wie es mir geht, wo meine Jungs bleiben, so wie sie es sonst immer tut, wenn ich alleine bin. Wie sie es letztes Wochenende noch getan hat, wo sie mir so einiges erzählt hat, von einer Vernissage, bei der sie eben gewesen ist. Davon, dass da ein Fotograf jahrelang durch Österreich gefahren ist, nur um Morgens an der Tankstelle Schichtarbeiter beim Biertrinken und Frühstücken zu fotografieren. Wie sie das begeistert hat, was das für eine schöne Milieustudie gewesen ist, und dass man sich das eben einmal vergegenwärtigen muss, dass das auch nur Menschen sind, nur eben mit einem ganz anderen Lebensrhythmus. Dass das nur, weil jemand bei Tagesanbruch in einer Tankstelle Bier sauft, nicht gleicht heißt, der ist Alkoholiker und hat kein Zuhause und keine Zukunft.

Letztes Wochenende haben Katinka und ich so lange Sambuca getrunken, bis sie gesagt hat, sie kann nicht mehr, sonst fängt sie an, sich zu verrechnen. Ich habe sie mit Kaffeebohnen beworfen, sie hat gelacht, gesagt, wenn ich das noch einmal tu, dann holt sie den Türsteher und lässt mich raus werfen und wir haben beide gelacht. Heute glaube ich, dass sie mich bewusst ignoriert.

Ich frage mich, ob Katinka manchmal in ihrem Badezimmer steht, ihre Fingerkuppen betrachtet und überlegt, warum sie einem fremden Mann den Kopf gekrault hat. Ob sie sich dann auch zu jemand anderem ins Bett legt, einem Kerl, oder einer Frau vielleicht, irgendwie würde das ja zu Katinka passen, dass sie Frauen mag.

Ob sie auch ein schlechtes Gewissen haben muss.

Ob sie es vielleicht schon vergessen hat.

Ob sie das bei jedem macht, der an ihrer Bar einschläft.

Und auf einmal steht sie da, sieht mich an, stellt mir ein frisches Bier hin, ich habe sie sogar beobachtet, wie sie es gezapft hat, aber nicht damit gerechnet, dass es für mich ist.

„ Alles in Ordnung bei dir?“, fragt mich Katinka.

Es ist wohl die dümmste, die oberflächlichste Frage der Welt. Wahrscheinlich fragt sie das hundert Gäste pro Abend, hat es auch mich schon hundert Mal gefragt. Aber da ist eine Tiefe, eine Ernsthaftigkeit in dieser Frage, da ist etwas in ihrem Blick, von dem ich weiß, das ist neu. Und als ich wohl das zweit-dümmste sage, was ein Mensch sagen kann, dass es mir noch nie besser gegangen ist, da meine ich das Ernst.

Ich sehe sie an, und mir wird schlecht, mir wird schwindlig und ich weiß nicht mehr, wohin mit dem ganzen Speichel, der da auf einmal ist, in meinem Mund. Katinka sieht mich einfach nur an, sagt nichts, aber ihr Blick ist so arg, ich spüre ihn überall, so dass ich froh bin, dass sie nichts sagt, weil sie mich so überwältigt, wenn sie jetzt noch etwas sagen würde, ich könnte nicht mehr.

Ich müsste aufspringen, sie an den Haaren packen, ihr Gesicht an meines ziehen und sie küssen, sie nehmen, am Besten sofort hier, vor all den Leuten.

Und auf einmal ist da Jana, ich sehe sie vor mir, wie sie im Bett liegt, in ihrer rosarot-karierten Pyjamahose. Sie wird noch munter sein, sie nimmt sich immer vor auf mich zu warten, wenn ich ohne sie unterwegs bin. Sie wird Harry Potter lesen, weil sie immer Harry Potter liest, wenn ich Bier trinke. Ich hab sie nie gefragt, warum sie das tut. Auch nicht, warum sie immer auf mich wartet, warum sie mich zuhause immer so freudig aufnimmt, wenn ich unterwegs gewesen bin. Warum es sie nicht stört, wenn ich mich stinkend und betrunken zu ihr ins Bett lege, sondern mich einfach in den Arm nimmt, mir manchmal auch sogar erlaubt, mit ihr zu schlafen. Ich hab es nie verstanden, aber mich immer darüber gefreut.

Und wieder wird mir schlecht, wieder wird mir schwindlig, wieder weiß ich nicht, wohin, mit dem ganzen Speichel, der da auf einmal in meinem Mund ist. Als ich ihn schlucke, ist da dieser Kloß im Hals, den ich sonst nicht habe, den ich nie habe, den ich nicht einmal gehabt habe, als wir letztes Jahr meinen Großvater eingeäschert haben.

Ich kann Katinka nicht mehr ansehen, bin in meiner Jacke drin, lege fünfzig Euro auf die Bar und flüchte nach draußen, wo es windig ist, wo es herbstelt. Wo die Sonne schon aufgeht und wo ich mich an der Anzeigetafel vom Bus festhalten muss, weil ich auf einmal glaube, dass ich nicht mehr stehen kann. Ich will zurück, will noch drei Bier, will warten, die eine Stunde noch, bis Sperrstunde, will mich wieder an die Bar legen, will so tun, als würde ich schlafen. Auf Katinkas Fingerkuppen hoffen, die mich da angreifen, wo der Kopf anfängt und der Hals aufhört.

Aber ich drehe um, und gehe. In Richtung Jana, Richtung zuhause. Richtung Vernunft.

An der Tankstelle sage ich dem Türken, der die Frühschicht schiebt, dass ich Mayonnaise zu meinem Leberkäse möchte. Er sieht mich angeekelt an und so fühle ich mich auch: ekelig. Neben mir sitzt ein dicker, bärtiger LKW-Fahrer, isst ein Schnitzelsemmerl, trinkt dazu Bier. Die Flasche hat er in ein Papiersackerl gesteckt, weil, in der Tankstelle darf man keinen Alkohol trinken. Er kaut unglaublich laut, hat Brösel im Bart und starrt auf das Nacktfoto, das immer auf Seite 7 der Tageszeitung abgebildet ist. Er grunzt, und sagt, an niemand bestimmten gerichtet, dass er die schon auch nehmen würde, dass die es sicher hart und dreckig braucht. Dann rülpst er und fragt nach dem Kloschlüssel.

Der Fotograf, von dem Katinka erzählt hat, hat sicher Leute wie diesen Kerl fotografiert. Und Katinka wird in der kleinen Galerie gestanden sein, wahrscheinlich mit den beiden Mädels, die heute bei ihr an der Bar gesessen sind, sie werden billigen Rotwein getrunken haben, von Foto zu Foto gewandert sein, und sie betrachtet haben, diese Leute, die morgens an Tankstellen rumhängen. Die Nachtarbeiter, die Taxifahrer, die Straßenzeitungsverkäufer, die, die laut Katinka eh nur ganz normale Menschen sind.   Aber eines hat sie vergessen, dass das eben doch nicht alles ist. Dass es schon noch eine andere Art von Menschen hier gibt. Die Leute, die nicht wissen, was passiert mit ihnen, wo sie da auf einmal sind. Wo sie hin sollen. So wie ich. Die nirgends wo hin können und deswegen festkleben, hier bei den Bier in Papiersackerln und den rumänischen Aufbackbrötchen. Als ich meinen Kopf an die weiße Plastikbar legen will, weil ich mir einrede, dass ich da vielleicht besser nachdenken kann, bewirft mich der Tankwart mit irgendetwas, es ist ein ekliger, nasser und nach Essig stinkender Fetzen und er landet genau in meinem Nacken. Dann kommt er zu mir, stützt sich mit den Ellenbogen an der Bar ab, nennt mich Bursche, wofür ich ihm aus Prinzip gerne gleich eine panieren würde und sagt mir, dass ich nach Hause gehen soll. Dass ich nicht nach Hause kann, dass ich da nicht hin will, sage ich und er macht so eine wegwerfende Geste mit der Hand und murmelt trocken, dass ich dann eben wo anders hingehen soll. Ich schüttele nur den Kopf, sage, dass wo anders hin zwar schön wäre, aber unklug.

„Es ist irgendwas mit Frauen, oder? Es ist immer wegen den Frauen.“

„Ja. Ich glaube, es gibt zwei davon.“

„Hast du Kinder?“

„Nein.“

„So lang du keine Kinder hast, ist alles noch ok. Da kannst du dich noch umentscheiden. Wenn die mal da sind, dann ist alles im Arsch!“

„Ja, aber das ist doch scheiße so!“

„Bursche, egal, wie man es macht – scheiße ist es immer!“

Ich schließe Janas Wohnung auf, bemühe mich, leise zu sein. Überall brennt Licht, aber sie kommt mir nicht, wie sonst oft, entgegen, um mich zu küssen, um mich zu fragen, ob ich einen schönen Abend hatte. Im Schlafzimmer finde ich sie, genauso, wie ich es erwartet habe. In dieser scheußlichen, aber trotzdem irgendwie niedlichen Kinderpyjamahose, den vierten Band von Harry Potter auf der Brust liegend, schlafend. Ich nehme ihr das Buch aus der Hand, streiche ihr die Haare aus dem Gesicht, drehe die Nachttischlampe ab, ziehe mich aus und kuschle mich dazu. Jana schmiegt sich schlaftrunken an mich, streichelt meinen Rücken. Ihre Hand wandert nach oben, berührt mich da, wo es seit Wochen schon prickelt. Sanft schiebe ich sie von mir, ich will nicht dass sie mich so sieht. Will nicht, dass sie aufwacht, dass sie merkt, dass etwas anders ist, bei mir.

Im Bad höre ich plötzlich irgendwo ganz hinten in meinem Schädel Katinkas Stimme. Katinka die leise wieder Creedence Cleerwater Revival singt, sie singt vom Weltuntergang, vom aufgehenden Mond, sie singt davon, dass es besser gewesen wäre, heute nicht nach draußen zu gehen. Kluge Katinka.

Und erst als es an der Tür klopft, realisiere ich, dass ich meinen Schwanz in der Hand habe, an Katinka denke, die nackt auf mir liegt, an einer Zigarette zieht, sie mir dann in den Mund steckt, um besser singen zu können.

Ich höre draußen irgendein Geräusch, halte inne in der Bewegung.

„ Alles in Ordnung bei dir?“, fragt mich Jana.

Und als ich leise durch die Tür durch flüstere, dass es mir noch nie schlechter gegangen ist, da meine ich das Ernst.


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Franziska Baur

Wasser, Fluss, Leben

Ist das Leben wie ein Fluss? Der einen mit seinen Strömungen nach oben und Mal nach unten reißt? Der einen in schnellen Wellen trägt oder gemächlich, langsam mäandernd mitnimmt auf seinem Weg? Und ein anderes Mal fast zum Erliegen zu kommen scheint? Einmal reißen einen seine Wellen und Stromschnellen mit, lassen einen auf der sich kräuselnden Gischt tanzen. Oder sie wirbeln einen so durch und durcheinander, dass oben und unten nicht mehr zu unterscheiden ist. Weil das Wasser, das Leben, einen mit sich reißt wie es ihm gefällt. Der eigene Wille, oft machtlos.

Aber egal wie schnell oder langsam, wie turbulent oder gemächlich, der Fluss, das Wasser bahnt sich seinen Weg, fließt, zieht weiter – lässt sich nicht beengen, kommt nie ins vollständige Ruhen. Und auch wenn es manchmal so scheint, hört die Bewegung nie auf.

Und wie heilsam und bedrohlich zugleich doch diese Vorstellung ist. Heilsam, weil es Gewissheit bringt, dass kein Schmerz und kein Leid, kein Scheitern, keine Enttäuschung für ewig verweilt oder andauert. Einen von innen austrocknet oder verdorren lässt. Nein. Wie das Wasser fließt, sich fortbewegt und sich entfernt – verflüchtigt sich auch das Auszehrende, verändert sich, verliert seine Vehemenz.

Vorausgesetzt man lässt es ziehen, friert es nicht ein. Nur in der Erstarrung liegt das Unveränderliche, der Stillstand. Nur dann ist der Fluss unterbrochen. Gefangen, gefroren verliert er seine Kraft und Energie, die seine Stärke ausmacht.

Diese unveränderbare Gewissheit, bringt jedoch auch etwas bedrohlich-trauriges mit sich. Denn es zeigt, dass keine Freude und kein Glück zu halten ist. Auch sie fließen und entrinnen – sind nicht einzufangen, nicht festzuhalten – brauchen die stete Erneuerung. Sind nie gewiss – nur für den Moment.

Auf einer Brücke darüber stehend fließt das Wasser unter einem hindurch, die Zeit, Erlebnisse und Geschehnisse nimmt es mit. Oder man kann sie ihm mitgeben – sie mit dem Wasser auf eine Reise schicken, oder gar gänzlich verabschieden, loslassen, freigeben, von sich lösen. So entsteht Freiraum für Neues. Etwas, das sich bewegt, agil verändert, neue Formen zulässt und etwas erschafft. Ein Tanzen, Springen, Aufbäumen und sich Einfügen in das Wasser, das den Fluss des Lebens bestimmt.