freiTEXT | Antonia Schneider

Danke für Nichts

Mit einer Bewegung, deren Routine ich auch im Halbschlaf beherrsche, schalte ich den zwitschernden Wecker aus. Dieses Mal wird nicht auf den Snooze-Knopf gedrückt, obwohl ich meine Augen kaum offenhalten kann. 5:15 Uhr. Ein mindful morning, den ich mit einer Routine starte, die mir der Life Coach gepitched hat. Die beige gehaltene Präsentation mit dampfenden Tees, mokkafarbenen Notizbüchern auf Leinenbettwäsche und magischen Naturpfaden, die von Menschen begangen werden, auf deren T-Shirts Sprüche zu sehen sind wie Let nature nurture you, hat mich überzeugt. Ich möchte auch glücklich durch wilde Landschaften wandern. Ich möchte die lächelnde Frau sein, die den Moment auskostet und ihre übergroße Tasse Tee wie ein Neugeborenes in den Händen hält. Für die beste Version meiner selbst nehme ich viel in Kauf. Ich fülle meine Warenkörbe regelmäßig mit Aromasprays, Gesichtsmasken und überteuerten Teesorten mit sprechenden Namen, wie Zen Balance, Wonderful Morning oder Be Happy. Wenn letzteres bloß so einfach wäre, würde ich mir eine Menge ersparen. Krampfhaft versuche ich den letzten Rest Zahnpasta aus der Tube zu quetschen, stecke mir die Zahnbürste, deren krummgebogene Bürsten mich an meine eigene Körperhaltung erinnern, in den Mund und starre mich an. Dass ich mich dabei gar nicht so richtig sehe, weil der Spiegel mit positiven Affirmationen vollgeklebt ist, ist egal. So genau muss ich mich ohnehin nicht ansehen, um zu wissen, dass die Augenringe nach wie vor nicht weniger geworden sind. Weniger geworden ist nur meine Lebenslust, aber daran arbeite ich schon. Und wie ich arbeite. Ich gebe ständig mein Bestes, übernehme den Lead in jedem Projekt und mache freiwillig Überstunden, um mir später eine Auszeit leisten zu können. No pain, no gain. Jede Lifestyle-Zeitschrift wird auf Selflove und Wellness durchforstet. Jedes Instagram-Reel, das ein Geheimrezept für ein glückliches Leben verspricht oder in 10 Schritten zu mehr innerer Balance verhelfen soll, wird abgespeichert. Mir selbst fehlt jedoch jegliche Balance, weil meine müden Augen ständig am Handydisplay hängen, anstatt auf die Gehsteigkante zu achten. Ich spucke den winzigen Rest Zahnpasta ins Waschbecken. Inhale. Exhale. Mit meinem Rosenquarzroller fahre ich meine erschöpften Gesichtszüge entlang, um mein schlafloses Ich in ein Energiebündel zu verwandeln. Energize! Vom Zombie zum Model in 5 Minuten. Mit allen Mitteln versuche ich meine zerknitterte Stirn zu plätten und mir meine Frustration aus den Wangen zu rollen. Aber das Einzige, was dabei rollt, sind meine Augen. Was mache ich hier eigentlich? Ich merke, dass ich das Gefühl nicht abschütteln kann, etwas falsch zu machen und während ich vergebens darauf warte, dass sich eine innere Zufriedenheit einstellt, lese und scrolle ich mich weiter durch Ratgeber und Reels. Die darin enthaltenen Imperative schreien mich an, zerren an mir, nehmen mich auseinander und tauschen mich gegen eine vermeintlich bessere, produktivere Version meiner selbst aus und immer wieder suche ich den Fehler bei mir. Resigniert trete ich in die Küche, um mir einen Matcha-Latte einzuschenken. Dieser solle meinen inneren Antrieb und meine Produktivität fördern, sagt der Life Coach. Schmecken tut er mehr nach Teichwasser als nach innerem Antrieb, aber ich versuche mich streng an die Vorgaben zu halten. Mit jedem Schluck wird die Welt um mich herum farbloser, nein, pastellfarbener. Mein Leben wirkt wie ein Pinterest-Board. Auch meine Emotionen bleiben seit geraumer Zeit pastellfarben und schlagen in keine Richtung aus. Ich bin mintgrün vor Neid auf jene Menschen, die mir aus ihren Social-Media-Kanälen glücklich entgegenlächeln. Ich erlebe keine blauen Wunder mehr. Ich sehe nichts durch eine rosarote Brille. Ich sehe nicht mal mehr Schwarz. Ich sehe beige und löffle freudlos meine Porridge-Bowl. Einheitsbrei. Auf die funkensprühende Lebensfreude, die mir der Life Coach versprochen hat, warte ich vergebens. Meine cremefarbene Euphorie steckt in einer Makramee-Blumentopfampel, die so hoch hängt, dass sie kaum erreichbar ist. So wie meine Erwartungen an mich selbst. In Instagram-Stories sehe ich, wie andere ihr Leben managen und fest im Griff haben. Mein Leben wirkt momentan eher so wie ein lascher Händedruck, wobei Druck hier wohl die falsche Wortwahl ist. Den Druck spüre nur ich. Anpassungsdruck. Leistungsdruck. Optimierungsdruck. Ich fühle mich wie ein pfeifender Teekessel kurz vorm Überkochen. Mir kommt der Dampf schon aus den Ohren und ich fühle mich innerlich leer. Ausgetrunken. Weggeworfen. Mittendrin im Zerfallsprozess. Das Pampasgras und die Trockenblumen, deren Hochblüte ebenso vergangen ist wie meine, stimmen mir zu. Ich würge den letzten Rest des Matcha-Lattes hinunter, schalte das Radio ein und kritzle lustlos ein paar Zeilen in mein Gratitude-Journal. Danke für…? Nichts will mir einfallen. „Danke für Alles“ von Endless Wellness ertönt aus den Lautsprechern und ich übertrage den Songtitel in das Notizbuch und mache mich mit einem Ohrwurm im Kopf auf den Weg ins Morning Yoga. Dort warten bereits die üblichen Verdächtigen, die sich aus dem kuschligen Bett quälen, um vor einem arbeitsreichen Tag noch kurz etwas „nur für sich“ zu machen. Sacred Selfcare. Die Yoga-Trainerin sitzt im Lotussitz mit geschlossenen Augen auf ihrer Matte in einem Raum, der Entspannung und Ruhe flüstert. Ich schleiche an ihr vorbei, wie ein Teenager, der zu spät vom Fortgehen nachhause gekommen ist und die schlafenden Eltern nicht wecken will. Der naturbelassene Holzboden knarzt unter meinen Füßen und sofort öffnen sich ihre Augen. Mit einem betont freundlichen Blick legt sie die Hände vor dem Herzen zusammen und beugt sich mit einem gehauchten „Namaste!“ nach vorne. Ertappt nicke ich ihr zu und suche mir die nächstgelegene Ecke, wo ich meine von den herabschauenden Hunden zerkaute Matte ausrolle. Spiritual Growth. „Guten Morgen, ihr Lieben! Ich bin Alina und gemeinsam fließen wir heute durch eine kraftvolle Einheit.“ Ich unterdrücke ein Gähnen. Ihre Stimme scheint keine Höhen und Tiefen zu kennen und um Letzterem zu entkommen, versuche ich mich auf Biegen und Brechen zu entspannen. „Diese Stunde steht unter dem Motto The Secret Within und lenkt unseren Fokus auf die innere Weisheit.“ Ihre Ausgeglichenheit raubt mir zunehmend den letzten Nerv. „Wir atmen tief ein und vertrauen auf unser Bauchgefühl.“ Aber dort, wo ich mein Bauchgefühl vermute, spüre ich nur die Leinsamen meines Porridges, die meine Verdauung ankurbeln. Nourish yourself. Ich scheiß auf die innere Weisheit! Ich will dieses Gefühl loswerden, das in meiner Brust brennt. Um mich gut zu fühlen, lege ich Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin an den Tag und kann dafür nachts nicht mehr schlafen. Alina wirft ihre blonden Beachwaves für eine Herzöffnung in den Nacken, ehe sie in die Haltung des Baumes wechselt und ich es ihr gleichtue. Meine Zehen krallen sich dabei in die spröd gewordene apricotfarbene Plastikmatte und ich beginne zu hinterfragen, warum ich so viel Geld in dieses Yoga-Abo investiere anstatt in eine vernünftige Wohnung. Matsyasana statt Mietpreisdeckel. Meine Krise ist zum Geschäftsmodell geworden. Für jedes Gefühl gibt es das passende Produkt und die Kundinnen und Kunden stehen für scheinbar mehr Zufriedenheit nicht nur Schlange, sondern auch auf einem Bein in der Hoffnung ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen. Aber so wie meine Matten-Nachbarin gerate auch ich in Schieflage beim Versuch in der Haltung des Baumes zu verharren. Alina lächelt wohlwollend und mein Blutdruck steigt beim Anblick ihres Vergnügens. Find stillness in the storm. Ich muss an ein Reel denken, dass ich mir am Vorabend angesehen habe. Reel. Was für ein trügerischer Name. Als wären diese 10-Sekunden-Videos wahrhaftige, reale Einblicke in das Leben von soul_glow und wie sie alle heißen. Wie kann man nur zehnsekündige gelbstrahlende Labrador-Happiness mit dem eigenen Alltag vergleichen? Einfärbige Emotionen kommen nicht gegen das reiche Farbspektrum des Lebens an. Ein letztes Mal versuche ich die Haltung von Alina zu imitieren und scheitere. Nun sollen wir uns bei uns selbst bedanken, dass wir heute den Weg auf die Yogamatte gefunden haben, und dabei habe ich erst vor einer Stunde mein Gratitude-Journal ausgefüllt. Mir schwirrt vor lauter Dankbarkeit der Kopf und meine Gedanken beginnen zu kreisen. Reelstorm. Love yourself first. Sacred Selfcare. Glow through what you go through. Nourish yourself. Find stillness in the storm. Take time to bloom. Unfollow your fear. Trust the timing of your life. Inhale. Exhale. Energize! Während Alina die Stunde mit einem Namaste abschließt, liege ich mit dem Puls einer Wüstenrennmaus auf meiner Yogamatte. Panikattacke oder Bauchgefühl? Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Der pastellfarbene Filter fällt mir wie Gurkenscheiben von den Augen. Ich muss raus, weg von dem terracottafarbenen Mobiliar des Yogastudios und den welken Trockenblumen, die leblos von der Decke baumeln und hinaus ins Grüne zu den prachtvoll lodernden Feuerlilien und den majestätischen Königskerzen, die gänzlich ohne Life Coach über sich hinauswachsen. Mit meiner Matte unterm Arm trete ich ins Freie und höre das morgendliche Vogelgezwitscher, das mein Wecker vergebens nachzuahmen versucht. Mein Blutdruck ist immer noch hoch und auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen, die sich auf meinen rosigen Wangen zu Rinnsalen vereinen, ehe sie als Sturzbach über mein Kinn tropfen und alle gespeicherten Selfcare-Reels mit sich reißen. Sturmflut. Alles muss raus und ich kotze mir die teure Porridge-Bowl aus dem Leib. Detox yourself. Auch wenn ich mich nicht genug fühle, habe ich genug. Mir reicht es. Ich trete meine zerschlissene Yogamatte in den nächsten Mülleimer und merke, wie sich eine unbändige Wut breitmacht. Ich sehe Rot. Leuchtendes, kräftiges Rot.

 

Antonia Schneider

 

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