„Wir sind die Kapitäne unserer eigenen Flöße.“

mosaikX_Buchpräsentation_Manuel Riemelmoser (3)

LiteraturLetscho, Buchpräsentation mosaikX, KulturKeule, writers on the storm und so.what.wörtlich: Das Saisonfinale des Bureau du Grand Mot 2014 als Ausdruck einer Jungen Literaturszene Salzburgs.

„Wir haben hart gearbeitet und saßen ewige schlaflose Nächte lang vor weißen Seiten, der Aschenbecher zum Bersten voll und ein ungeheures Pochen im Kopf, das es unmöglich macht, den Stift wegzulegen und aufzugeben. Wir gingen einen weiten Weg und ich weiß, wir haben einen ebensolchen vor uns. Millionen toter Wörter pflastern die Allee der Wahrheit, den schmalen Pfad der Essenz, dem wir hinkend, kriechend, blutend folgen. Wir haben auf vieles verzichtet, aber wir wussten, worauf wir uns einließen, als wir Schraubenschlüssel und Taschenrechner, Dienstwagen und Monatsgehalt gegen Stift und Papier eintauschten.“

Thomas Mulitzer eröffnet dramatisch den Abend: Ein Kreuz aus Klebeband verschließt seinen Mund, der Ton seines „X Manifesto“ kommt aus dem Off. Text und Aktion verweisen auf den Anlass der Buchpräsentation der 10. Ausgabe von mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur. „Kontinuität braucht Fortschritt“ meinten die Herausgeber, als sie im Herbst 2013 zu einem Kurzprosawettbewerb aufriefen. Aus den Einsendungen wählte eine unabhängige Jury die sieben besten Texte aus, die nun als Kurzprosaband erschienen sind und am 17. Juni 2014 präsentiert wurden.

Saisonfinale

Dieses Jubiläum ist eine einzelne Veranstaltung aus einer ganzen Woche an unterschiedlichen literarischen Veranstaltungen, die allesamt unter der Dachmarke Bureau du Grand Mot Platz finden. Das Kunstkollektiv hat sich vor etwas mehr als eineinhalb Jahren zusammengefunden, um gemeinsam an den bereits existierenden Veranstaltungsreihen und Veröffentlichungsmöglichkeiten weiterzuarbeiten, dabei gleichzeitig neue Formate und Reihen zu entwickeln und im Kollektiv künstlerisch produktiv tätig zu sein.

Das als Saisonfinale angekündigte Literaturfestival erstreckte sich vom Montag, 16., bis zum Freitag, 20. Juni: Vor der Buchpräsentation von mosaikX kam das LiteraturLetscho am Montag, es folgte am Mittwoch die KulturKeule (beide Veranstaltungen im ersten Stock des Das Kino), am Feiertag traf man sich zur jüngsten Reihe writers on the storm und den Abschluss bildete schließlich das am längsten dienende Format, das so.what.wörtlich. Durch dieses gemeinsame Auftreten zeigte sich die Vielfalt und gleichzeitig der Zusammenhalt des kulturellen Programmes des Bureau du Grand Mot.

Alles in einen Topf

Den Auftakt machten Felicitas Biller und Peter.W., indem sie am Anfang des LiteraturLetschos ihre dramaturgischen Fähigkeiten in einer Interpretation eines bekannten Loriot-Sketches darboten. Das Letscho ist ein Ort der Auseinandersetzung mit Literatur: Nicht die eigenen Texte werden gelesen, sondern bewusst jene von anderen AutorInnen, seien sie bekannt oder unbekannt. So reihte sich an diesem Abend H.C. Artmann neben Kurt Vonnegut, ein US-amerikanischer Science-Fiction-Schriftsteller, und Robert Filio, ein französischer Künstler und Vertreter des Fluxus.

Doch nicht nur die Inhalte wechselten, auch die Form der Darbietung: Waren Beiträge von Lisa Viktoria Niederberger über Epharim Kishon oder Barbara Kellers Lesung von Hector Hugh Munro (Pseudonym: Saki) Ausdruck einer persönlichen Vorliebe, die auch bei Marko Dinic und der Nacherzählung seiner persönlichen Entdeckung von Artmann zum Ausdruck kam, versuchte sich Katharina Kapsamer an einer Performance zu Filio, der einmal gesagt haben soll: „Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.“

Es war dies die zweite Ausgabe einer interessanten und auch bereits von Stadt und Land Salzburg geförderten Reihe, die neue Zugänge zu vermeintlich bekannter Literatur genauso ermöglicht wie das Entdecken von Neuem. Bei der ersten Ausgabe im kleineren Kreis im vergangenen Dezember stand die Diskussion stärker im Zentrum. Der, neben dem bereits erwähnten Peter.W., zweite Veranstalter des Abends, Manuel Riemelmoser, startete damals eine Diskussion um Texte, ohne Hintergrundwissen davon zu offenbaren. Nach überschwänglichem Lob lüftete er das Geheimnis der Autorschaft: Apropos-Verkäufer Ogi, der auch in der Straßenzeitung veröffentlicht, steckte hinter den interessanten Beiträgen.

Intim und intensiv

Der Blick auf Neues, noch Unbekanntes, und die Förderung dessen ist die Zielsetzung der bereits erwähnten Reihe writers on the storm: Junge (?) AutorInnen können sich über Literaturausschreibungen und –preise sowie Veröffentlichungsmöglichkeiten informieren, ein erstes Mal im kleinen Kreis ihre Texte vortragen und darüber diskutieren. Als Einstieg gibt es eine kurze Lesung eines bereits erfahreneren Autors bzw. einer Autorin. Diesmal war dies Stefan B. Findeisl, der Veranstalter der als „Wohnzimmerlesung“ für den Festivalabschluss angekündigten Lesereihe so.what.wörtlich. Ein ähnliches Konzept verfolgen die „TEXTgespräche“, eine neue Reihe (jeden letzten Montag im Monat) in den Räumlichkeiten der ARGEkultur, die sich ebenfalls dem gegenseitigen Austausch, hier verstärkt konkreten Diskussion über die Texte im Hinblick auf Verbesserungsmöglichkeiten, widmet.

Allen drei Reihen ist das familiäre wichtig, die intime und intensive Auseinandersetzung mit Literatur, aber auch das Netzwerken, das Kontakte-Knüpfen im Anschluss. Daher betonen auch alle Veranstalter, dass nicht die Quantität der BesucherInnen, sondern die Qualität der Gespräche und künstlerischen Beiträge im Vordergrund stehen. Jene Hand voll SchülerInnen, welche am garantiert schulfreien Feiertag das Angebot in den Räumlichkeiten des Jugendzentrums YoCo in der Gstättengasse wahrgenommen haben, schätzte dies ebenfalls. Dennoch wäre es wünschenswert, dass dieses Angebot einer breiteren Masse bekannt wird und von sich aus den Schritt nach draußen wagt. Der Plan, so der Initiator Peter.W., seien unterschiedliche Veranstaltungsorte, vorrangig in diversen Jugendzentren etc. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt…

„Kamatn die Zombies, i vasteckat mi in die Berg. Mit a poa Viecha und so vü zum Essn wie möglich. So schnö kennatst goa net schaun, hätt i scho a Auto gfladat, mein Oidn eipackt und warat iagndwohin in Pinzgau auf an Berg aufi gflücht.“

Lisa Viktoria Niederberger übernimmt von Thomas Mulitzer und liest aus ihrem Text „Eischlofn“. Sie steht im hinteren Bereich des Publikums, das Licht ist gedämpft, nur schemenhaft nimmt man die Autorin wahr. Die gebürtige Linzerin bewegt sich in ihren Texten zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, Konsens und Nonsens – alles im individuellen Dialekt vorgetragen und so auch im Buch verewigt. Die Autorin hat eine intensive Zeit hinter sich: Nach dem erfolgreichen Publikumsvoting in der Vorrunde des Lesewettbewerbs wir lesen uns die Münder wund des Jugendzentrums mark.freizeit.kultur überzeugte sie auch die Jury im Finale im Literaturhaus, in dem sie bereits zwei Tage zuvor bei der Lesung studentINNENfutter, einer Kooperation von mosaik und der Salzburger AutorInnen und Autorengruppe (SAG), ihre Gedanken zum aktuellen Ernährungswahn vorgetragen hatte. Wenige Tage darauf absolvierte sie die Literaturgärtnerei, einen Wochenend-Literaturworkshop von Christian Lorenz Müller mit der Autorin Anna Weidenholzer und dem Lektor des Jung und Jung-Verlages, Günther Eisenhuber, in der ARGEkultur – inklusive Abschluss-lesung. Nach der Buchpräsentation wartete Anfang Juli noch ein neuer Poetry Slam im Jazzit auf die umtriebige Autorin.

Alles ist zu grell

Wie unterschiedlich die Herangehensweise an die Form des Inneren Monologes sein kann, zeigte die Lesung von Sarah Eder unmittelbar nach jener von Lisa Viktoria Niederberger bei der Buchpräsentation des mosaik: Auch sie liegt im Bett, jedoch nicht gut behütet neben ihrem „freind“, den sie wie im Text von Lisa Viktoria, beobachten und daraus ihre Gedanken ableiten kann, sondern im Krankenhaus. Gerade erst wieder aufgewacht betrachtet sie das X auf ihrer Haut, die Markierung für die Operation:

„Bis ich das große X auf meinen Bauch zeichnen durfte, vergingen schon einige Kreuze in der Klinik. Weiblich? X, ledig, X, ob ich rauche? X. Ob ich eine vorbelastete Krebsfamilie habe? Halbes X. Ob ich auf was allergisch sei? Kein X. Kinderwunsch? Empörtes X. Ach ja, und beim X unten dann bitte unterschreiben, dann schieben sie mich in den OP. Kurz vor dem langen Schlaf fühle ich mir noch alles genau an – das blaue Hemdchen ohne Hinternstoff, die engen Strümpfe ohne Laufmaschen, der zu einer Unterhose zusammengebastelte Verband mit Einlage, die trotzige Infusion in meinem linken Unterarm. Alles juckt. Alles ist zu grell.“

Ihren Stil finden wir nicht nur in Kurzprosa, sondern unter anderem auch in einer (mittlerweile eingestellten) Online-Kolumne zu Alltagsthemen. Als Kind der 80er zog sie 2011 in „Herr Leben, die Rechnung bitte.“ Zwischenfazit. Ebenfalls bereits veröffentlicht hat Markus Hittmeir, der bereits früher am Abend an der Reihe war. Philosophische Annäherungen sind die Inspiration für alle Texte des in Vöcklabruck geborenen Mathematikers. In seinem Text „Schwarzer Sand“ befindet sich der Protagonist auf der Suche nach Sinn (?) in einer surrealen Umgebung.

Neue Fragen

Daran werden wir erinnert, wenn Christopher Schmall – ziemlich genau 24 Stunden nach der Lesung von Markus auf der Buchpräsentation – bei der KulturKeule von „Norsmog“ berichtet: In dieser fiktiven Welt kann die Wirklichkeit unter anderem durch Worte verändert werden. Der Protagonist in seinem Text „musste weg. Weit weg. (…) Er sah Menschen, Begebenheiten, die Welt. (…) Alles atmete. (…) Es war alles im Fluss. (…) Seine Augen lösten sich auf. Er schmolz. Er löste sich auf.“ Nicht nur die Surrealität und die Suche in dieser fremden Welt verbindet den Text mit jenem von Markus Hittmeir, auch die Namensähnlichkeit der Protagonisten ist frappierend: Rai (Schmall) und Reuel (Hittmeir). Schmall bewegte sich zudem ähnlich durch die Welt wie Christoph Ransmayr in seinem 2012 erschienenen Atlas eines ängstlichen Mannes: Die Begebenheiten beginnen mit „Ich sah…“ und führen über alle anderen Empfindungen zu neuen Erkenntnissen, oder, noch viel interessanter, zu neuen Fragen.

Er setzt damit den Kontrapunkt zu Norbert K. Hund und seiner „Staatsvertragsfeier“, mit der dieser die bereits elfte KulturKeule eröffnet hatte. Der Text, bereits 2005 als Reaktion auf die schwarz-blauen Feierlichkeiten zum Staatsvertragsjubiläum geschrieben, präsentiert ein Wimmelbild österreichischer Persönlichkeiten in absuder Zusammensetzung: Adolf Hitler als Papst verkleidet, Maria Rauch Kallat als Transvestit, Engelbert Dollfuß in einer Pfadfinderuniform und Wolfgang Schüssel als Gottkaiser über allen. André Heller wünscht sich „a Butterkipferl“, Manfred Deix meint „des kannst afoch nimma übertreibn“ und als Leopold Figl mit einer Doppler-Flasche in der Hand auf dem Balkon steht und die Worte „Österreich ist zua!“ ruft, mündet die Szene in eine Schießerei. Angeordnet wie auf einem berühmten Titelbild eines Albums der Beatles, stellt der Text eine, laut dem Autor, „garantiert unspielbare Szene“ dar. Dies sahen manche als Herausforderung und kündigten in der abschließenden Diskussion einen Versuch an.

In einer bemerkenswerten Doppellesung erfolgte schließlich der gleitende Übergang von Norbert K. Hund zu Christopher Schmall. Nach sprachspielerischen Texten, an Jandl erinnernd, wie „Auf Bruch“ (Schmall) und insbesondere „Mutterseelenallein“ (Hund), entfernt man sich literarisch stärker voneinander, bevor, wie bereits besprochen, Schmall den ersten Teil des Abends beschloss. Eine schöne Klammer ergab sich zwischen „Jedermanns Totentanz“, einem an Thomas Bernhard erinnernde Salzburg-Satire von Hund („fürchtet euch nicht, es ist alles herzig und putzig hier!“) und den abschließenden Texten vom bereits mehrmals erwähnten Christian Lorenz Müller.

Visionen

Dieser stellte sich nicht als Autor, sondern als Zukunftsforscher vor und präsentierte trocken und ernst seine an historiographische Traditionen erinnernde essayistische Zukunftserzählung: 2017 kommt es zu einer Belagerung der Stadt zur Festspielzeit. Die Honoratioren müssen auf die Festung fliehen, in den darauffolgenden Jahren kommt der Tourismus immer mehr zum Erliegen während Salzburg als „Gated City“ einen neuen Höhepunkt, doch schließlich auch wieder den Niedergang erlebt, bevor es 2027 zu einem Putsch von Sebastian Kurz kommt und Salzburg wieder Fürsterzbistum wird.

Der Text (beziehungsweise: die Texte, Müller teilt es in vier aneinanderhängende Essays) verbindet klug Elemente der Moderne und der aktuellen politischen wie gesellschaftlichen Entwicklung mit den lokalen Gegebenheiten der Stadt sowie ihrer Geschichte. Vermeintlicher Fortschritt ist eigentlich eine Rückkehr zu politischen und sozialen Mustern des Mittelalters beziehungsweise der frühen Neuzeit, jedoch mit der Veränderungsgeschwindigkeit des 21. Jahrhunderts. Unbedeutend scheinende Probleme wirken sich wie der Flügelschlag des Schmetterlings, den Norbert K. Hund bereits in einem Text besprochen hatte, zu einem Orkan aus.

Strom

Probleme – und ihre (literarische) Reaktion darauf – sind grundsätzlich ein wiederkehrendes Muster vieler Texte in dieser Woche. Am Dienstag bei der Buchpräsentation reichte die Spannbreite von konkreten Problemen im Augenblick, wie beim „Piratenschatz“ von Andreas Haider, in welchem der Piratenkapitän nicht fähig ist, ein Kreuz auf die Schatzkarte zu malen („Stell dir vor, eine Schatzkarte ohne X. Wäre das nicht genial? Das würde die ganze Schatzkartenmalerei revolutionieren.“), über schwerwiegendere zwischenmenschliche Hürden, wie bei Birgit Birnbachers Text „winterhart“, bis hin zu langjährigem psychischen Druck, wie ihn Florian Lambrecht in „Das Kreuz der Hoffnung“ beschreibt.

Der in Reutlingen Geborene und in Salzburg schreibende Lambrecht meint von sich selbst, „zeitweise verwirrt“ zu sein, „aber alles im Griff“ zu haben. Als Leuchtturmwärter hat sein Protagonist den einzigen Kontakt zur Außenwelt über die Besuche einer jungen Frau. Das Versprechen, ihren Mann (und später deren gemeinsames Kind) mitzubringen, löst sie jedoch nicht ein. Die Überhöhung dieser Sehnsucht und die daraus entstehenden Gefühle erinnern in ihrer Unverständlichkeit an die Begebenheiten bei Markus Hittmeir, ohne dabei Verwirrung zu verursachen. Der Text wirft, und auch das lässt sich als immer wiederkehrendes Muster vieler Texte in dieser Woche festhalten, mehr Fragen auf als er Antworten gibt.

Antworten sucht auch die Ich-Erzählerin bei Birgit Birnbacher. X ist in diesem Text die Auslöschung, der Platzhalter für das, was nicht mehr ist, was noch nie war und nie sein wird.

„und so hab ich gleich zur doktor heidenreich gesagt: kann ich das schriftlich haben bitte? dass ich das dir nicht sagen wollt und auch noch worte suchen für so was, das hab ich gleich gewusst. sofort in dem moment, als sie gesagt hat: nix mehr, da ist nichts mehr, das tut mir leid, das war nichts. eben, denk ich, da seh ichs wieder, und schau auf die seite, weil ich die doktorin nicht anschauen will, und hinaus beim fenster, wo milchig weißgelb die sonne gleich weggeht, obwohl es erst, wie ich auf der uhr an der wand seh, halb vier ist. ist ja november. und eben, denk ich, das ist es, wer an so was denkt anstatt zu trauern, der spinnt ja.“

Die fehlende Interpunktion und die konsequente Kleinschreibung bewirken ein erhöhte Lesetempo, welches auch beim Vortrag im Urbankeller an den Tag gelegt wurde. Wie bei Lisa Viktoria Niederberger oder Sarah Eder ergibt sich aus der Mischung von Gedanken und Erzählung einer Protagonistin ein Strom, die Erzählerin der Soziologin Birnbacher redet sich im Gegensatz dazu jedoch in einen Strudel hinein – beim gleichzeitigen Versuch, diesem dadurch zu entkommen. Die Klimax wird zumindest vorerst nicht aufgelöst.

Optisch unbewusstes

In ihrer sprachlichen Dichtheit erinnert „winterhart“ an die Gedichte von Frieda Paris, die ebenfalls am Mittwoch bei der KulturKeule eingeladen war. Die Wienerin las die beiden Gedichtzyklen „Wald“ und „mein Herz“: „nie kommen meine Worte zurück, aber immer wachsen welche nach“ – die Symbolik der älteren Texte wie „Schnittblume“ oder „Kopfkino“ erinnert an jene im Beschreibungstext der bereits erwähnten Literaturgärtnerei. „Flügge Worte“ ist dabei als zentraler Text, als Übergang von der Erdmetaphorik zu jener der Lüfte zu sehen.

In den neueren Texten, Titel wie „Kissenschlacht“, „Grenzboten“, „Feuertag“ und „optisch unbewusstes“ verweisen auf die Kombinationsfreude, die Paris an den Tag legt, reihen sich vorranging Nomen aneinander, verbunden mit so mancher Eigenschaft entsteht eine Assoziationskette, die sich ineinander verhakt, Schleifen bildet und Leerstellen offen lässt. „Stilblüten im Haar“ findet man im Text „Schulkleider“: „Fassung verlieren, solange Haltung gewahrt.“ Die Texte arbeiten miteinander, beziehen sich aufeinander und bilden wohl in ihrer Gesamtheit ein Bild auf der Metaebene, welches sich leider beim flüchtigen Vortrag, so stimmungs- und gefühlvoll er auch sein mag, nur bedingt einstellt. Eine Veröffentlichung, das wurde auch in der Diskussion angemerkt, wäre schön, um vor- und zurückblättern, querlesen zu können. Eine „Fallstudie auf kariertem DIN-A4-Papier“, wie es im Gedicht „Höhenangst“ heißt. (nachzulesen z.B. in mosaik9_Was sei der Mensch?, S. 8)

Wir sind die Kapitäne unserer Eigenen Flöße

Kariertes DIN-A4-Papier ist der Stoff aus dem die regulären Ausgaben des mosaik sind. Die Zeitschrift reiht sich neben Veranstaltungsreihen wie das LiteraturLetscho, die KulturKeule oder das so.what.wörtlich und Eigenproduktionen verschiedener Mitglieder des Bureau du Grand Mot als drittes Standbein in das Kollektiv ein. Wobei: Mitglieder soll es laut Eigendefinition, welche vor allem die Offenheit und die ständige Neudefinition hervorhebt, gar nicht geben. Eine Performance im Rahmen des Literaturfestes 2014 versuchte, diesen Kollektivgedanken zu fassen, die künstlerische und individuelle Vielfalt, welche sich auch in diesem Saisonfinale gezeigt hat, aufzuzeigen. Doch für eine gemeinsame Wahrnehmung der „Dachmarke“ sind solch kombinierte Angebote notwendig, auch wenn sie das Problem der gegenseitigen Kannibalisierung in sich bergen. Doch diese Woche hat gezeigt: Auch wenn der Großteil der BesucherInnen nur auf einer Veranstaltung war, es gab sie auch, jene BesucherInnen, die an allen Tagen präsent waren.

„Das Wertlose, Sinnlose, Belanglose muss getilgt werden. Denn wir brauchen keine Philosophen und keine Dichter mehr, wir brauchen keine Priester, keine Politiker und keine Führer. Denn wir selbst sind Philosophen, Dichter, Priester, Politiker und Führer. Wir sind die Kapitäne unserer eigenen mickrigen Flöße, Egofetischisten auf dem totalen Machtrausch. Wir brauchen keine Liebhaber, denn wir lieben uns selbst. Wir brauchen niemanden, denn wir wissen alles. Wir tanzen um das Goldene Kalb des Ich und singen Hymnen an den Müll. Und wenn sie irgendwann den großen Stecker ziehen, ist alles verloren. Dann bleibt uns nur der Dreck und die Dunkelheit.“ (Thomas Mulitzer)

 Josef Kirchner

Foto (c) Leonhard Pill

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