Einfach mal in die Menge werfen…

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Es gibt zwei Bezeichnungen, bei denen die Literaturgesellschaft die Nase rümpft: Blogger und Selfpublisher. Nico Feiden bloggt nicht. Aber er könnte. Stattdessen veröffentlicht er Gedanken und literarische Reisemitschnitte als eBook. Einfach mal raushauen. Warum nicht?

Die Verlagsbranche hat einen so schlechten Ruf, dass sich viele JungautorInnen schon gar nicht mehr die Mühe machen, Manuskripte zusammenzustellen und einzuschicken um sich dann bestenfalls von einem Standard-Dreizeiler abfertigen zu lassen. Da kann man sich ja gleich von Dieter Bohlen beim AutorInnen-Casting fertig machen lassen.

So geht natürlich viel Potenzial verloren. Das hat auch Amazon erkannt und vor einigen Jahren mit ihrer self publishing-Plattform KDP (Kindle Direct Publishing) eine Möglichkeit geschaffen, Texte im Selbstverlag unkompliziert zu veröffentlichen. Andere Plattformen folgten, bis zur eBook-Flatrate ist es nicht mehr weit. Natürlich wäre ein unabhängiger und vom Autor/von der Autorin selber übernommener Vertrieb lobenswert – aber sind wir uns mal ehrlich: Wer wendet gerne endlos Zeit mit der Gestaltung einer Homepage auf, die dann alle Stückchen spielen soll, und kümmert sich Wochen-, ja Monatelang, enervierend um das Marketing, wenn man doch die Zeit auch nutzen könnte um z.B. bereits am nächsten Text zu schreiben?

Also betreiben viele AutorInnen einen Blog. Immer wieder mal einen Artikel auf WordPress oder Tumblr zu veröffentlichen, das kostet wenig Aufwand, kann aber durchaus Mehrwert haben. (Und dann sind da noch diese unabhängigen Literaturzeitschriften in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, die sich der Förderung eben dieser Generation junger Schreibender verschrieben haben.)

Haifisch oder Massage

Doch als „Blogger/in“ bezeichnet sich kaum eine Autorin/ein Autor. Das Makel des kann-doch-jeder haftet an diesem Begriff. Derweil hätten großartige essayistische, journalistische und literarische Blogs in den letzten Jahren eigentlich das Gegenteil beweisen können. Doch dann gibt es ja auch jene große Menge Blogs, über die gerne gesagt wird, „dass sie besser nicht geschrieben hätten werden sollen“ – also bitte, was soll denn das? Das ist doch gerade der Vorteil (und Nachteil) des Mediums Internet, dass es keine Vorauswahl, keine Textsichtung und keine Dreizeiler-Abfertigungen gibt.

Ein Blog kann das sein, was früher der Briefwechsel zwischen AutorInnen war. Anstatt nur Mutter, Freund, Katze um Beurteilung zu bitten, wirft man den Text einfach mal in die Menge. Ob es sich um ein Haifischbecken, einen Massage-Whirlpool oder einfach nur um ein Glas stilles Wasser handeln wird, das wird sich schon noch weisen. Diese Aufgabe können natürlich auch die angesprochenen Literaturmagazine übernehmen: Platz für Experimente gibt es ohnehin viel zu wenig – und Geschmäcker sind bekanntlich wie Ohrfeigen.

Vom self publisher zum Millionär

Wer sich mit solch einer kontinuierlichen Arbeit verbessert und/oder sich zu höherem berufen fühlt, der kann immer noch bei prestigeträchtigen Preisen und elaborierten Verlagen einreichen. Vielleicht ist dann zumindest das Selbstvertrauen gestärkt und man kann Absagen lockerer nehmen. Viele gehen eben noch diesen einen Schritt weiter und veröffentlichen ihren Text selbst.

Jetzt klebt natürlich dieses „Versagen bei traditionellen Verlagen“ am Schuh des self publishers wie billiger Automatenkaugummi. Ob vorher überhaupt bei Verlagen eingereicht wurde oder nicht, ist nicht gefragt – beim Eigenverlag kann ja nichts Gutes rauskommen. Soweit das Vorurteil. „Derweil hätten großartige Bücher im Eigenverlag in den letzten Jahren eigentlich das Gegenteil beweisen können.“ (Zitat JK, drei Absätze oberhalb) Der amerikanische Traum (vom self publisher zum Millionär), den Amazon vermittelt, ist natürlich nur die Spitze des eBook-Berges. Doch genauso wenig wie gegen literarische Blogs spricht, kann man gegen den Eigenverlag einwenden.

Das hat sich auch Nico Feiden gedacht. Der junge Autor aus Hannover war und ist regelmäßig wandernd, in einfachen Verhältnissen, im mitteleuropäischen Raum unterwegs, hat in Bozen, Südtirol, eine zweite Heimat und Freunde gefunden. Was macht jemand, der länger unterwegs ist und viel und gern schreibt? Er betreibt einen Reiseblog. Nico bloggt nicht. Aber er schreibt. Und das Ergebnis packt er regelmäßig in eBooks und veröffentlicht sie auf Amazon.

Schnell geschrieben, schnell gelesen

Rund 50 Seiten haben die Bücher, die sich meist wie ein (Reise-) Tagebuch, ein Gedankenprotokoll, lesen, und die kostenlos für den Kindle angeboten werden. Literatur in kleinen Häppchen, wie sie in der Unterhaltungsliteratur (wer erinnert sich noch an den Dinosaurier-Porno-Literatur-Boom?) seit Jahren erfolgreich sind. Während man auf den Bus wartet mal schnell mit einem Jungautor und dessen philosophisch-autobiographischen Gedanken in den Urlaub entfliehen – klingt doch nicht schlecht, oder?

Einfach mal veröffentlichen. Dann schleichen sich natürlich Tippfehler ein und über die eine oder andere Formulierung stolpert man. Und wenn man an den Texten arbeiten würde, würde sich noch einiges verändern. Dafür sind sie aber so, wie sie sind, absolut authentisch. Schnell geschrieben, schnell gelesen – lange im Gedächtnis.

Doch Nico geht noch einen Schritt weiter – oder eigentlich: zurück, wie er in seinem vorletzten Buch, Auf den Straßen, beschreibt: “Tagsüber band ich meine Lyrikbände in einer Unterkunft für Obdachlose “La Sosta“ und ging zum Marktplatz, wo das Denkmal von Walther von der Vogelweide auf mich hinabschaute, während ich mit einem Schild “Deutsche Lyrik“ auf dem Boden saß und meine Bücher unters Volk zu bringen versuchte. Es funktionierte so gut, dass wir am Abend genug Geld für Bier, Gras und etwas Anständiges zu essen hatten.“

Ungewöhnliche Vertriebskanäle finden, würde man jetzt in der Marketingsprache sagen, auffallen, überraschen. Und einfach mal Veröffentlichen. Ob Blog, Zeitschrift, eBook oder selbstgeschnürte Lyrik-Büchlein ist letztendlich egal. Es geht um den Mut, seine Schreibe mit anderen zu teilen (das mach ich jetzt einfach auch mal) – und dann darf man sich voller Stolz auch die Titel „BloggerIn“ oder „EigenverlegerIn“ auf die Brust heften.

Josef Kirchner (Blogger)

Nico Feiden wandert auch durch Salzburg und liest am Mittwoch, 13. Mai beim studentINNENfutter.

Nico Feiden in mosaik14 (S. 9-11)

Bücher von Nico auf Amazon
Nico Feiden in der Autorenwelt
Ein netter Artikel über Nico im Franz
Und mehr zu self publishing und Amazon
Statistiken zum eBook-Markt

2 Comments

  • Susanne Morawietz Antworten

    Ein zwiespältiger Aspekt des Ganzen wurde nicht angesprochen: Texte im Internet gelten als „veröffentlicht“. Und sind somit für viele Zeitschriften und Wettbewerbe ausdrücklich nicht mehr zugelassen. Auf der anderen Seite gilt bei Stipendien usw.: Eigenverlag / Internetveröffentlichungen ausgeschlossen, wenn es um die Künstlerbio geht. – Im schlimmsten Fall „verbrennt“ man also Texte, wenn man sie im Netz veröffentlicht. Sehr schade, denn auch ich bin ein großer Fan von (guten) Blogs…

    • mosaik Antworten

      Das ist wahr. Danke für die Ergänzung.
      Zum Thema der „Veröffentlichung“ braucht es auch bald mal eine Geländeabsteckung – das ist ein ähnlich strittiges Feld. Aus deinen genannten Gründen wird ja auch die Möglichkeit, einen Blog mit einer ISSN-Nummer „aufzuwerten“ nur so selten genutzt. Auf der anderen Seite braucht man bei vielen Einreichungen eine bestimmte Zahl von Veröffentlichungen…

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