Flamingo (27.06.1990)

Tryptichon Westerwald 2017

Im Gesicht

ich habe die verzweiflung im gesicht
deswegen will mich keiner
darum sitze ich wieder
mit einem bier und
es regnet drinnen laut

wenn ich nach vorne
schaue um zu suchen
sitzen nur welche
und fragen sich, mit whiskey
wer ich höchstens sei

dann setz ich mich wieder
mit der verzweiflung
im gesicht

die weißen socken
werden langsam vom schweiß
braun und
das gesicht zerfließt bestimmt


Kurze Seeouvertüre

I

heilig wird gott in damaskus
mein hundekehlesee
mein deutscher wald

ich ich

torpedos in meinem
heiligen u-boot
flugzeuge grunewald

wald
gott
skill group

tief tief
tief tief
im hundekehlesee
schwimmt das geld

II

erlittene bleivergiftung


 –

Westerwald

ich habe die sexsucht in den deutschen wald getragen. nun bin ich hier und träume von der idealen landschaft. zwischen die birken und tannen habe ich mich gelegt und eine russische hausfrau fotografiert. in ihr möchte ich den rest meines lebens sein, nicht tagtäglich in gesichtern, die ich nicht gesehen habe. wenn ich mir selbst von den bächen und weiten auen erzähle, ist die tätlichkeit mit mir selbst vergessen. ich onaniere nicht sieben mal am tag, wenn es schon vor 12 ist, sondern drei mal, vier mal mit freude. der nutzen sich wund zu schrubben, in einer kleinen welt ohne liebe, ist durch gefühlten beweis recht klein.

du, deutscher wald, führe mich zu den ahnen meines sudetendeutschen opas, in die schluchten meiner fettleibigkeit, in den wulst lymphe, den ich abgetragen habe. hebe die rechte hand zum gruß nach oben und leite mich zur selbsthilfegruppe sexsucht nummer eins. dort sitzt ein lachsfarbener mann mit hertha-bsc-schal, er stiert mich mit halb-dementen augen an, zeigt mir bilder seiner musikgruppe, mit den ringen des saturns. er plappert, singt rammstein-lieder, zittert und macht wichs-bewegungen mit der rechten hand. im deutschen wald lege ich mich dazu ins moos und begegne meinem gesichtsabdruck, der matschig und fettleibig von mir selbst berichtet: „bin ein harter ficker. hey baby, bock hart abgefickt zu werden? fotze. willst du dir dein hurenloch abficken lassen? bin ein harter domficker.“

die kleine, russische hausfrau steht neben der birke und wird von mir fotografiert. immer dabei ist mein telefon, das mich zu meiner eigenen schande verbindet. 24-stunden sagt es mir, wer ich nicht bin, was ich nicht haben kann und wo meine träume sind. die 12 schritte der selbsthilfe sind dann am ende eine frage nach gott, auf den man vertraut, dass er den deutschen wald erschaffen hat. ein kleiner wisch mit seiner großen hand und alles war da: die russische frau, ihre schürze, meine sexsucht, die selbsthilfegruppe und das telefon, das mir jeden tag sagt, wer ich nicht bin, was ich haben kann und ob ich die träume überhaupt noch finden kann, wenn ich weiß wo sie sind.

die schlechte angewohnheit nach waldspaziergängen spät aufzustehen, setzt sich fort, wenn man danach getrunken hat. wieder wird es nach 10, mindestens 12, mindestens schon der grausame nachmittag. das licht ist kalt an einem nachmittag mit nur einem computerbildschirm, der einem sagt, dass man an seinen fähigkeiten zum überleben arbeiten muss. schließlich ist man auf dem heißen draht zwischen innerer ruhe und schlampenficken, 24 stunden online sein, warten ob die dreckschlampe antwortet, gesagt bekommen, man sei nicht ihr typ, dann ficken, vergessen werden, erinnert werden als einsamer psycho, als machoficker, als einer der goldkettchen am hemdpullover trägt, als psycho, als einsamkeit, bunte all-over-muster unter schwarzen pullovern, muster, einsamkeit, skill-gruppe, einsamkeit, manchmal ficken an sonntagen in spandau, im spätwinter.

mein deutscher wald ist weit, das moos vom führer jeden tag grüner in den wäldern, wo ich meine heimat habe, im böhmerland, wo meine wiege stand. ich zeige meinen freunden mein ufer am hundekehlesee, wo die villa steht, die ich bewohne mit meiner kleinen, russischen frau, die zwischen birken eine suppe kocht. ich mag brottrunk, kaviar und lachstartar. ich mag wie die blätter riechen, wenn ich nach dem wichsen einen waldspaziergang mache, wenn ich tage lang mit geschlossenen jalousien hitlers helfer geschaut habe und kurze exzerpte aus wagner-opern gehört. nahe dem wald ist das fußballstadion, da steht der mann mit dem lachsfarbenen sakko, seinem fußballschal und sieht mich zitternd an. in meinem privathaus mit seezugang stehen statuen und zeigen auf berlin. man sagt, man kann den mann aus der stadt bringen, aber nicht die stadt aus dem mann. doch wenn der deutsche wald in den wintermonaten recht kalt auf die körperwarmen häuser innerhalb der stadtgrenze strahlt, dann wünsche ich mir einfach, dass gott auch auf der berliner straße im bezirk wilmersdorf den fichtennadelduft erschaffen hätte.

Flamingo

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