Wir sitzen in der Sonne, trinken Kaffee und gucken vor uns hin. Es stinkt ein bisschen, weil jemand die staubige Elektroheizung für draußen angemacht hat, damit es warm wird. Warm war es schon vorher und es hat gut gerochen, jetzt nicht mehr.

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Nebenan sitzen verschieden alte Männer und ein pummeliger Junge im grünen Kapuzenpulli. Wir haben Vorurteile, weil sie alle Funktionsjacken oder unmoderne Brillen tragen und etwas zu begeistert aussehen. Deswegen glauben wir, dass die verschieden alten Männer aus dem Speckgürtel der großen Stadt kommen, um eben hier Kaffee zu trinken, weil man ja sogar im überregionalen Feuilleton immer liest, dass hier alle Kaffee trinken.13-04-Matrosenhunde-KS-Madame

Zwei blond gefärbte Frauen laufen vorbei, denen man ihr Alter und die gerauchten Damenzigaretten ansieht. Sie tragen spitze, hochhackige Stiefel und wir haben Vorurteile und denken, dass sie sich bestimmt verlaufen haben und eigentlich vom Ku‘damm sind, wo man Krimsekt und Kaviar frühstückt und Unterweltgespräche führt.13-04-Matrosenhunde-KS-Schrift0113-04-Matrosenhunde-KS-Krim

Die blondere der Beiden trägt einen Silberfuchs um den Hals, der schmale kleine Kopf mit den Plastikaugen baumelt über ihrer Hüfte. Dann gehen sie in ein Café, in dem man Pelmeni kaufen kann und Chai Latte.

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Vor dem Babybekleidungsgeschäft springt ein Mann mit Helm furios auf sein Motorrad. Das Motorrad springt nicht an, der Mann springt weiter und macht Krach. Irgendwann gibt er auf und verschwindet im Haus.

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Einer der verschieden alten Männer kommt zu uns und möchte reden. Wir denken, der will bestimmt Tipps, wo man so hingehen kann, hier. Aber er will gar keinen Tipp, er will, dass wir ins Fernsehen kommen, für den regionalen Fernsehsender. Wir wollen aber nicht ins Fernsehen, das versteht er nicht. Der Mann ist also ein bisschen ratlos, er muss Menschen filmen, die draußen sitzen und Kaffee trinken. Eigentlich wollten wir einen anderen Beitrag machen, sagt er. Über die Geschichte auf dem Friedhof. Der Friedhof ist auch ein Kinderspielplatz, sagt er. Dort haben Füchse einen Totenkopf ausgegraben. Aber das dürfen wir jetzt nicht machen, sagt er. Jetzt machen wir halt Wetter.

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Dann suchen sie weiter nach Menschen, die in der Sonne sitzen und der pummelige Junge im grünen Kapuzenpullover trägt emsig das Stativ von links nach rechts. Schließlich wird das Stativ vor einem Blumenkasten aufgebaut, in dem ein paar blassgelbe Narzissen blühen. Die filmen wir, sagt der Mann mit der Funktionsjacke, die sehen ein bisschen verwelkt aus.

Vor dem Babybekleidungsgeschäft steht ein SUV und fährt nicht weiter. Drin sitzt ein proteingenährter Mann mit Sonnenbrille, raucht und telefoniert. Das linke Fenster ist offen, so dass der Sonnenbrillenmann seinen linken Arm überlegt lässig auf der Kante ablegen kann. Der Motor läuft die ganze Zeit weiter und wir haben Vorurteile und denken, dass der Sonnenbrillenmann früher bestimmt Mantafahrer war und ein Kennzeichen mit drei Buchstaben hat.

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Eine Gruppe Kindergartenkinder macht einen Ausflug in Zweierreihen und aufgeregte Erzieher passen auf, dass keines der Kinder auf die Straße läuft. Vor der Synagoge stehen Polizisten, wie jeden Tag, sie reden wenig und harren aus.

Die Mauer vor dem Spielplatz wird mit Hochdruckreinigern geputzt, obwohl sie schon vorher sauber war. Aber jetzt ist Frühling, da wird alles schöner.

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Die blond gefärbten Frauen kommen zurück und überqueren die Straße, es macht klackklackklack. Dann steigen sie in den SUV, in dem der Sonnenbrillenmann sitzt und fahren los.

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Das Auto vom regionalen Fernsehsender fährt vorbei und auf dem Rücksitz sitzt der Reportermann und lacht und winkt. Wir bezahlen unseren Kaffee und schließen unsere Fahrräder auf. Dann fahren wir los Richtung Norden, dorthin, wo es keine Cafés gibt und auch keine Geschichten übers Wetter.

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Der Wind weht und Autos fahren zur Autobahn, alte Frauen mit Dauerwelle tragen Lederimitattaschen und wir schließen unsere Fahrräder an und gehen in unser Arbeitszimmer im 5. Stock.

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Dann sitzen wir vor dem Fenster, trinken Kaffee und gucken raus.

Gegenüber auf der großen Brache stehen jetzt Container und ein gelber Kran.

Gegenüber bauen sie ein Autohaus.

Matrosenhunde

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