edition mosaik 1.2 | Alke Stachler – dünner Ort

moment an moment gefädelt wie schmuck, hier
tastet sich etwas. das sonst weit voneinander, das
sonst wie pole sich.

Dies ist ein dünner Ort. Geh weiter und du kommst an eine Stelle, die dich, die es, die etwas mit dir macht. Dünne Orte kann man mit Sprache kaum beschreiben, nicht treffen. Assoziationen reihen sich aneinander, erzeugen und verarbeiten Gefühle und machen diese nicht rein räumlich zu greifenden Orte zu eminent subjektiven Erfahrungen.

„Manche Orte machen mir Angst, andere erinnern mich an eine bestimmte Farbe, an einen Geruch, einen Gedanken, aber nichts davon ist konkret, nichts erklärbar“, meint Sarah Oswald zu ihren dünnen Orten, die sie mit sich überlappenden Fotografien versucht hat aufzuspüren. Wie die Gefühle in der Assoziationskette konturlos ineinander übergehen, so verschwimmen auch in den Langzeitbelichtungen, aufgenommen im Vorübergehen, die Konturen, lassen ein individuelles und einzigartiges Gefühl für einen nicht fassbaren Ort entstehen. Die Unmittelbarkeit der gewohnten Wahrnehmung verschwindet.

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Es entstehen „durchscheinende Stellen“ an denen etwas kippt, sich zu etwas Neuem verbindet. Diese Gratwanderung ermöglicht tiefe Blicke – inder schriftlichen Fixierung werden sie offenbar, im Dialog mit den Texten nur scheinbar konkreter. Weder illustrieren die Grafiken noch erklären die Wörter: Dünne Orte müssen subjektiv erarbeitet werden, sie sind nur selbstständig erfahrbar.

Das Sprachmaterial, mit dem sie arbeitet, immer neu entdecken

Alke Stachler umkreist mit ihren Texten nicht klar eingrenzbare „atmosphärische Räume“, die auch von ihr selbst genaue Wort-Bemessungen verlangen, und führt die Leserin/den Leser behutsam durch diese hindurch. Jedes Wort ist „mit gemeiner Präzision“ gesetzt; so leise, dass der Übergang zum Schweigen fließend ist. Dazwischen: Leerstellen. Fenster im Text. Durchscheinende Stellen. Auslassungen, die gefüllt werden wollen? Die nur scheinbar immer Ergänzungen verlangen? Pausen, die in der Bewegung innehalten lassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dies ist ein dünner Ort.

ein atmen von schatten zu schatten, die nacht haftet
am rücken als hätte man darin gelegen wie in
hohem gras, und trüge sie jetzt am körper als das
gegenteil einer rüstung, als etwas, das öffnet. und
weich macht, sodass das, was war, muster in einen
schneiden kann, bevor es einen auffaltet wie einen
papiernen stern, und. man plötzlich sieht, dass man
in der mitte ein loch hat, da wo die waren, die jetzt
tot sind und durch die nacht segeln und einander
kreuzen, in schweigenden bläulichen karawanen.

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dünner Ort – Alke Stachler

mit fotografischen Illustrationen von Sarah Oswald.
herausgegeben von Josef Kirchner.

edition mosaik, 2016, 62 Seiten, € 5,-
ISBN 978-3-200-04454-8

Erhältlich ab 20. April 2016 u.a. in der Buchhandlung Neues Leben und im mosaik-G’schäft


Der Lektor Manuel Riemelmoser über dünner Ort:

Die Texte sind ein bisschen wie Mosaiksteine: Beim Lesen fange ich mittendrin an und muss mich erst vorsichtig vortasten und einfinden; mit jedem weiteren Steinchen formt sich mir dann ein „Bild“ heraus – oder hier besser: eine Atmosphäre, eine innere Landschaft – und durch die lose aber sicht- und spürbare Verknüpfung der Texte untereinander (Motive und „Signalworte“, die durch die Texte „geistern“; Blickwechsel…) zeigt sich dann langsam der narrative Aufbau, der „Körper“ der Erzählung.

Innerhalb dieses „atmosphärischen Rahmens“ merke ich vor allem einen aufrichtigen Blick auf die „Dinge“ und eine präzise Sprachführung – die Sprache kann sich dadurch grazil an alle Phänomene und Erfahrungen anschmiegen: Anstatt sie ihrer eigenen Struktur unterzuordnen, öffnet sich die Sprache ihnen – auch syntaktisch und grafisch.


 

Pressestimmen

„Dünner Ort“ besitzt eine große Anziehungskraft, und es sind Stachlers besondere, dichte Beschreibungen zwielichtiger Ensembles aus Landschaft und Empfindung, die ihn zu einem Leseerlebnis mit starken Nachwehen machen.

Eine rückenlose Fadenbindung, schweres Papier und Pappseiten-Umschlag machen den „dünnen Ort“ zu einem gleichzeitig irgendwie schwerwiegenden Ort.

Jonis Hartmann / Fixpoetry
Der Dünne Ort von Alke Stachler ist ein schönes kleines Büchlein. Die Buchgestaltung (von Sarah Oswald) hat dabei einen sehr interessanten Effekt, der eng mit den Inhalten zusammenhängt.
Auch in den Texten von Stachler geht es immer wieder um ein Zwischen, um ein weder-noch, um etwas ahnbares, aber kaum begreifbares, um Wissen, das sich nur schwer oder kaum versprachlichen (im Sinne von: auf den Begriff bringen) lässt.
Matthias Mader

Ich habe gerade gestern den Band von Alke Stachler „Dünner Ort“, in der edition mosaik erschienen, ausgelesen. Der hat mir sehr imponiert. Ich habe nicht genügend Zeit, viel zu lesen, lese ab und an nur rein. Manche Sachen wollen das irgendwie nicht, da bleibst du dran. Bei Alke bin ich dran geblieben, fand ihr Debüt sehr beeindruckend.

Simon Bethge / Litaffin

Alke Stachler

Sarah Oswald

Scythe ist ihr Lieblingswort der englischen Sprache. Kein Wunder also, dass Alke in der Schule für eine Satanistin gehalten wurde? Die Sensenfrau bewegt sich wild in der Gegend – beruflich wie auch in ihren Texten. Und setzt dabei ihre Worte so zärtlich, dass man nicht glauben kann, dass sie auch nur einen Grashalm verletzen könnte. Ihre Biographie in drei Worten: ausgewandert, hängengeblieben, weitergeschwommen.

Dafür würde Sarah wohl auch ethische Grenzen übertreten: Das Gefühl des Zerplatzens, wenn etwas in Form gebrachtes plötzlich eben diese verliert, mit einem Geräusch dem Druck nachgibt. Sarah lebt (und ist) zerzaust zwischen Studium, Grafik, bildender Kunst und Herausgebertum, noch immer ohne Katze – oder wie sie diese nennen würde: Tschinga.