freiVERS | SAID

fische von jenseits des meeres

sie sammeln sich und sind bestrebt, nicht aufzufallen. die hand halten sie vor den mund, als könnte sie das stottern verdecken.
man munkelt von einem virus; er wird unter flüchtenden verbreitet und verursacht stottern.
hier treffen sie sich und schweigen. sie warten auf olleg, den mann mit dem weißen hut. dem vernehmen nach hat er selbst auf der flucht seinen hut aufbehalten.
nach einbruch der dunkelheit zahlen sie eintrittsgelder und gehen gemeinsam in den park. dort hängen die fische in den bäumen und spenden gerüche.
hinter gazeschleiern beten sie dann. die fische schnappen nach luft, als wollten sie sich bedanken für die gebete.
beim abendessen bleibt ein platz leer. der des zurückgewanderten zwischenrufers –
der einzige, der die sprache der fische verstand.
sie sitzen im restaurant, dessen lichter sich im meer spiegeln.
ihre hände verscheuchen das licht – doch das licht ist stärker als die flüchtlinge. diese sind erregt, sehen die ankommenden schiffe und warten auf neue nachrichten.
jemand schüttelt eine kleine glocke. dann erzählt olleg von dem anderen land, von der langsamen zeit –
die anwesenden beginnen zu schluchzen.
olleg gestikuliert und beschwört sie auf einheit:
„jede berührung mit den reisenden wäre verrat.“
er deutet an, daß die fische dann nie mehr zu ihrer sprache zurückfinden würden.
„die von jenseits des meeres kommen, bringen neuigkeiten mit sich und einen geruch“,
dann warnt er vor diesem geruch und seiner wirkung.
vom gemäßigten schweigen ausgehend, fragen einige der anwesenden, warum sie längere zeiten brauchen für eine neue farbe.
„wir müssen an die fische denken. seit der zwischenrufer zurückgekehrt ist, schweigen sie“,
er räuspert sich und spricht weiter:
„wer weiß, was alles unter den reisenden ist, hörgeschädigte, spitzel, künftige verbrecher. sie alle haben aussagen unterschreiben müssen, damit sie ausreisen durften. ihr erkennt sie an dem trübe gewordenen blick.“
schließlich warnt er:
„wer glaubt, eine berührung mit den reisenden, heilt das stottern, irrt sich.“
olleg kennt die furcht der flüchtenden. für gewöhnlich überwinden sie sie mit dem wort, mit dem rufen.
doch jetzt, angesichts der ankommenden schiffe, brauchen sie einen halt. olleg weiß das:
„ihr müßt lernen, unbequem zu leben in der fremde –
sonst zerstört sie euch.“

SAID

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