freiTEXT | Stephan Weiner

Scrollin’

W. scrollt. Zuckt zusammen. Schaut sich um. Nippt an seinem Kaffee. Scrollt langsamer. Noch langsamer. Stoppt. Scrollt nicht mehr.

Schikane! Rufen sie. Später. Er hätte weiter scrollen sollen. Ist schließlich sein Job. Der Abteilungsleiter tobt. W. begründet sein Verhalten nicht. Auch nicht auf Nachfrage. Es lasse sich alles im Browserverlauf nachvollziehen. Mehr sei nicht zu sagen. Er könne aber doch wenigstens sagen, warum. Warum habe er nicht mehr gescrollt? W. schweigt. Sie würden es nicht verstehen. Würden es verwechseln, mit einer Pause.

W. starrt auf den Bildschirm. Er sollte weiterscrollen. Das weiß er. Weiter nach Bugs suchen. Gründlich. Sollte sich tief in die Webseite hineinscrollen. In jedes Verzeichnis. In jedes Unterverzeichnis. Sollte den gesamten Quelltext abscrollen. W. tut es nicht. Tut gar nichts. Ist es ein Bug? Wenn ja, müsste er die Programmierer informieren. Als W. an diesem Tag nicht mehr scrollt, wird kein Programmierer informiert. Hat W. keinen Bug gefunden? Nur welchen Grund gibt es sonst, nicht mehr zu scrollen? W. ist sich nicht sicher. Heute. Ein Bug ist immer eindeutig. Ein Fehler. Ganz klar. Eine Fehlfunktion. Irgendwas tut nicht das, was es soll. W. erkennt es, gibt es weiter. Scrollt weiter. Nur heute nicht. Heute entscheidet sich W. zu klicken. Glaubt vielleicht, etwas auf der Spur zu sein? In den Protokollen sind später genau zwei Klicks verzeichnet. Nur eines ist nicht zu erkennen. Wo W. hin will, was er bezweckt. Nirgends ein Hinweis. Wo soll der Bug sein? Es muss ihn geben. Schließlich scrollt W. nicht mehr. Hat sich stattdessen in den Server geklickt. Der erste Klick. W. wird angesprochen. Von einem Bot. W. sollte eigentlich gar nicht hier sein. Ist es dennoch. Und der Bot fragt: Wo ist der Bug? W. antwortet nicht. Der Bot hält W. für einen Virus. Will ihn entfernen. W. wehrt sich. Klickt ihn weg. Der zweite Klick. Der Abteilungsleiter bekommt bei jeder Virenattacke eine Nachricht auf sein Handy. Auch auf Verdacht. Direkt aufs Display. Kann zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht draufschauen, da er seiner Tochter bei der Suche nach ihren Gummistiefeln helfen muss. Ohne die geht sie nicht in den Kindergarten. W. verlässt den Server wieder. Hat er etwas gefunden? W. initiiert einen Neustart. Danach: Nichts. Keine weitere Unterbrechung. Der PC fährt hoch. Jemand sieht W. am Kaffeeautomaten. Jetzt scrollt er wieder. Was war? War was? Unterdessen hat der Abteilungsleiter die Gummistiefel seiner Tochter gefunden und erfährt von der vermeintlichen Attacke.  

Stephan Weiner

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