freiTEXT | Marie Gamillscheg

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Julian (Auszug)

Als der Bus nicht kam, ging Julian das kurze Wegstück den Berg hinauf zu Fuß. Der Boden war eisig und Julian rutschte in seinen glatten Lederschuhen immer wieder ein wenig ab. Wenn es in den nächsten Tagen weiterschneite, würde er festere Stiefel für den Weg nehmen und seine schönen Lederschuhe erst in der Schule anziehen, beschloss er. Als er die Tür aufschloss, rief er ein „Hallo“ in das leere Haus. Es roch nach Nivea-Creme und Staub. Erst als er durch das Wohnzimmer ging und die Tür zur Küche öffnete, hörte er, wie Pfannen und Töpfe geräumt wurden und Metall und Glas aufeinander klangen.

„Hallo.“ Julian holte sich ein Glas aus der Kommode, das seine Mitbewohnerin wohl gerade eingeräumt hatte. Die gelblichen Kästen und Ablagen der Küche waren schmierig. Julian hatte einmal versucht sie zu putzen, doch es hatte nicht geholfen. Als ob die ölige Schicht nicht mehr zu durchbrechen war.

„Ah, Julian.“ Seine Großmutter stand in der Speisekammer. Julian glaubte, dass sie oft aus Langweile einfach Lebensmittel und Küchengeräte von einem Ort an den anderen räumte. So lange sie nicht seine Kaffeemaschine anfasste, war ihm das egal. Sie trug heute einen dunkelblauen, langen Rock und eine grüne Wollweste über der weißen Bluse, die sie oft anhatte, wenn sie nicht außer Haus ging. Ihre dicken Füße steckten in schwarzen, festen Hauspantoffel, die klackerten, wenn sie über den Laminatboden in der Küche ging. Sie beobachtete Julian, wie er den Kochtopf mit Wasser auf die Herdplatte stellte, die Hitze auf die höchste Stufe drehte und Zwiebel und Knoblauch schnitt. Julian hasste das. Er war zu seiner Großmutter gezogen, weil er seine Wohnung nicht mit fremden Menschen teilen wollte und um allein zu sein, wenn er es wollte.

„Gehst du heute noch außer Haus?“ Er hatte auf diese Frage gewartet. Sie konnte nicht schlafen, wenn sie allein im Haus war. Er antwortete nicht und holte Tomaten aus dem Kühlschrank, die er langsam in kleine Stücke schnitt, den Saft ließ er vom Schneidbrett auf den Boden tropfen. Er wusste, dass es sie quälte, wenn er nichts sagte, aber vielleicht würde sie es sich dann abgewöhnen. Als Julian sich die dampfenden Nudeln aus dem Sieb auf einen Teller kippte und sich ins Esszimmer setzte, blieb sie in der Küche. Er hörte bald, wie Gläser aneinander stießen und er wusste, dass sie wieder Gläserstapel auseinander nahm um sie neu anzuordnen oder vielleicht um die kleineren auf die größeren zu setzen oder um einige davon erneut abzuwaschen.

Nachdem Julian sich geduscht und umgezogen hatte, zog er sich seine Stiefel an und nahm leise seinen Mantel von der Garderobe. Erst als er laut die Tür zuwarf, würde seine Großmutter merken, dass er gegangen war. Er lächelte noch immer, als er in den Bus stieg und sich die verzweifelten kleinen Schritte seiner Großmutter von der Küche in ihr Schlafzimmer vorstellte. Vielleicht würde sie seine Mutter anrufen und sich beschweren. Die Fensterscheiben im Bus waren beschlagen, trotzdem sah Julian nach draußen. Es schneite schon wieder. Wenn er nicht wiederkommen würde, würde sie einfach zwischen ihren Pfannen und Töpfen verrecken, dachte er. Er stellte sich vor, wie sie am Boden lag, um sie herum Gläser, Tassen und Teller, teilweise zerbrochen. Er würde sich hinknien und ihr die Augen schließen, wie er es aus den Filmen kannte, und ihre Haut wäre von einem Ölfilm belegt, wie ihre Pfannen.

Der Gedanke mit den Kindern kam ihm erst, als er die Schule betrat. Die Lehrerin, die eine prall gefüllte, abgegriffene Ledermappe unter dem Arm trug, schüttelte ihm die Hand und sagte: „Schön, dass auch heute noch junge, engagierte Männer in den Lehrberuf streben.“ Julian nickte und folgte ihr in die Klasse, zwanzig Kinder starrten ihn an. Er stellte sich kurz vor und sagte, dass er in der letzten Reihe sitzen würde, um den Unterricht zu beobachten. „Hospitanz, Pflichtseminar von der Uni“, fügte er hinzu. Er faltete seine Hände vor seinem Körper, er hätte auch gern eine Ledermappe in der Hand. Den Schülern war keine Reaktion anzusehen, sie hingen in ihren Stühlen und auf den Tischen, als ob die Pubertät ihnen zu viel Kraft rauben würde. Die Mädchen wussten, wie sie ihre jungen Körper, die sich gerade zu formen beginnen, am besten in enge T-Shirts zwängten und deren Ausschnitt so ausdehnten, dass der erste BH darunter zu sehen war. Die Jungs wirkten daneben jung, in ihren zu großen Pullovern, in die sie noch hineinwachsen mussten. Julian war erschöpft, als er sich hinten in die letzte Reihe setzte. Er war froh, dass er nicht selbst unterrichten musste. Von hinten waren es weniger Augen und weniger Aufmerksamkeit, Julian entspannte sich wieder. Die Lehrerin referierte über den Präpositionsgebrauch im Englischen, doch Julian konnte sich nicht konzentrieren. Er beobachtete, wie vor dem Fenster die kargen Bäume im Schneewind zitterten und drinnen, obwohl es vorgab eine andere Welt zu sein, in den Tischreihen die Mädchen sich scheinbar im selben Takt bewegten, wie sie ihre schmalen Rücken in die Höhe streckten oder sich gen die Tische beugten.

Der Rauch verflüchtigte sich schnell im hohen Raum, als ob er sich vor der Großmutter einen Stock darunter verstecken müsste. Julian machte seine Lippen schmal und versuchte Ringe auszustoßen, aber auch diese behielten nur kurz ihre Form. Der Raum war hell und trocken vom Morgenlicht. Julian fühlte sich ein bisschen wie die blonde, schöne Frau in weißer Unterwäsche in diesem Schwarz-Weiß-Film, die sich im Bett räkelte und rauchte. Vielleicht war es Brigitte Bardot, Julian wusste es nicht. Selten hatte er etwas ähnlich Ästhetisches gesehen wie diese Frau. Als er den Film vor Jahren zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er mehrmals wieder zurückgespult, um sie wieder zu sehen; wie sie sich im Bett zur Seite drehte, sich aufrichtete und wieder zurück fallen ließ, wie sie sprach, dunkel, rauchig säuselte sie ihre Worte, das Bett groß, weiß, um sich darin zu verlieren – mit ihr. Vielleicht hatte er wegen ihr zu rauchen begonnen, überlegte er sich, und nicht nur, um sein Spießertum zu verstecken. Er griff unter der Decke neben sich und fasste auf einen nackten, behaarten Oberschenkel. Sebastian schlief immer so lang. Seine Großmutter würde bemerken, wenn er das Haus verließ und Julian müsste wieder sagen, dass er auf der Couch übernachtet hatte, weil er zu viel getrunken hätte, um noch Auto zu fahren. Julian drückte die Zigarette im Aschenbecher am Nachtisch aus und stieg vorsichtig aus dem Bett. Er öffnete die großen Flügeltüren, auch hier weiße Vorhänge, und trat nach draußen auf den Balkon. Er blickte über die Terrasse bis zur Innenstadt, wo sich die roten Dächer aneinanderdrängten, obwohl es rundherum noch genug Platz gäbe. Julian wollte schon immer auf einer Anhöhe wohnen; er hatte die Ebene der Vorstadt satt.

Es hatte geschneit über Nacht. Die zwei hohen Fichten trugen so schwer, dass sich die Äste zu Boden neigten, die Naturgeräusche klangen gedämpft, wie eingehüllt vom Schnee. Seine Großmutter würde ihm sofort sagen, dass er den Schnee aus der Einfahrt räumen müsste, wenn sie ihn sah. Julian trat wieder nach drinnen. Unter der Decke war es warm, Julian drängte seine kalten Beine gegen Sebastians. Langsam öffnete er seine Augen und gähnte, er rieb sich die von der Nacht zugequollenen Augen, um sie wieder in ihre natürliche Form zurückzudrängen. Er schmeckte nach ungeputzten Zähnen, als er Julian küsste. „Guten Morgen“, sagte Julian. „gut geschlafen?“

Sebastian nickte und drückte sich noch tiefer in den weißen Polster.

„Wann hast du Uni heute?“

Marie Gamillscheg

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