freiTEXT | Katharina Körting

Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90)

„Je suis encore vivant!“ (Caligula)

„Ich könnte mitten auf der 5th Avenue stehen und auf jemanden schießen, und ich würde trotzdem keine Wähler verlieren.“ (Donald Trump)

„…Straßenfeger 1,50…“. Ich zücke mein Portemonnaie. Gegenüber gibt es im Caligula-Club „Sex ab 89 Euro, Taxis willkommen“. Caligula ließ im alten Rom „Hochverräter“ grausam hinrichten, bevor er selbst ermordet wurde. Erst postum erhielt er den Namen Caligula, caligo heißt Schwindel, Trübsal, Elend. Warum benennt man ein Bordell nach dem trübseligen Despoten? Wegen der Macht, die der Kunde König über die Befriedigung seiner Begierden hat? Oder wegen des kleinen Todes, der petite mort, der Traurigkeit nach dem Orgasmus? Der Tod in unserem Leben ist weiter weg ganz nah, fürchte ich. Und wenn ich uns schreibe, meine ich uns Lebende heute, uns Welt, (haben die Toten ein Wir?)

Albert Camus war drei Jahre jünger als Caligula bei dessen Ermordung als 28Jähriger, als er ein Stück über die Sinnlosigkeit des Daseins mit Caligula als Titelfigur schrieb. Der gab das Geld mit vollen Händen aus, für Prunk, für Sex, für Tod. Donald Trump ist 70 Jahre alt und residiert wie ein Kaiser hoch oben in seinem Turm. Von dort aus spuckt er auf uns, die Welt. Nimmt sich wie Caligula, was er will, stelle ich mir vor, während ich in dem 24/7-Shop gegenüber von Caligula warte. Auf der anderen Straßenseite ist schon der dritte Bus in die Gegenrichtung vorbeigebraust – meiner kommt aber nicht.

Caligula spielte sein Theater, Trump macht seine Show. „Sehr erfolgreich, die beiden“, murmele ich. Die Straßenfegerin guckt mich traurig an. „Trump kann das Dazwischen nicht ertragen“, erkläre ich ungefragt, als wüsste ich, „es ist ihm zu kompliziert. Er muss alles kaputt machen, was nicht entweder-oder ist“.  „Es gibt nur Siegen und Verlieren“, behauptet die Straßenfegerin. Und beides endet tödlich, verkneife ich mir zu sagen. Sie ist bestimmt über 50 und wirkt sehr klar. Vielleicht hätte sie Trump gewählt. Vielleicht gibt es in ihrem Gehirn auch kein Dazwischen. Wahrscheinlich sieht es darin ordentlicher aus als in meinem.

Sie bestellt sich mit meinen 1,50 einen Eistee. Wie üblich schreibe ich unordentlich mit, um später, bevor die Gedanken nachts so laut werden, dass ich von ihrem Getöse aufwache, das unleserlich Notierte in die Maschine zu übersetzen, mit klammen Fingern und kalten Füßen und mich dann auf meine Horchmatratze zu legen, das Ohr an die Zukunft gepresst: Ein Trump als Weltmachtchef, in Europa lauter kleine Caligulas, auf rasender Fahrt in die Vergangenheit.

Auf dem Bürgersteig geht eine Hochhackige, begleitet von einem Bärtigen im offenen Jackett, dabei ist kalter, grauer November. Er benutzt die verwaiste Busspur, lässig gestikulierend, als wäre diese Berlin-Schöneberger Martin-Luther-Straße sein Privatbesitz. Die Frau trägt enge Hosen und stöckelt ein paar Schritte vor ihm, in die läppische Erde der Käfige für die Bäume stechend, die in ihrer Iso-Haft am Straßenrand dem Winter entgegen dümpeln. Sie spricht laut, aggressivfröhlich, doch der Verkehr überdröhnt ihre Worte. Es könnte jederzeit umkippen, denke ich: Sie könnte zu schreien anfangen oder zu weinen, oder hemmungslos lachen. Er könnte sie schlagen oder auf die Straße schubsen. Warum ich das denke, weiß ich nicht, denn ich höre gar nicht, worüber sie diskutieren, vielleicht über den Preis, vielleicht will sie hundert Euro haben, oder er will, dass sie es für fünfzig macht, oder sie reden gar nicht über Sex, sondern über Donald Trump, über Literatur oder den Sinn des Lebens.

Der Bus kommt immer noch nicht.  Ich lese nicht in der Straßenzeitung. Ich ärgere mich nicht.

Ich halte mich auf bei meiner Suche nach lebendiger Schönheit, nach dem überlebenden Dazwischen in dem wuchernden Zwang zur Eindeutigkeit, staune ins Grau, als würde ich dafür bezahlt. Neben Caligula gibt es noch ein Spielcasino und ein Wettbüro, auf der anderen Seite eine Apotheke, die etwas gegen Hämorrhoiden im Angebot hat. Als ich dieses schwierige Wort am Po hatte, waren die Zwillinge gerade aus mir rausgekrochen. Groß wie Ballons, diagnostizierte fassungslos der Arzt und verordnete abschwellende Tropfen. Ich dachte, ich müsste sterben, so weh tat es, aber ich wollte die Neugeborenen kennen lernen. Ich wollte aufstehen und weiterleben. Aufstehen ging noch nicht, aber die Tropfen halfen irgendwann, weil das Leben sich immer irgendwie hilft, sogar, wenn man nicht Caligula heißt, sondern Mutter wird. Wenn man keinen Sex hat und Ballons am Po und ballongroße Traurigkeit im Herzen beim Lesen der Nachrichten.

Bestimmt wusste Caligula, dass es von jetzt auf gleich zu Ende sein kann, auch mit ihm, und so nahm er sich vor, den Tod zu besiegen, indem er vielfach tötete. So hat er sein Leben aufgeräumt.

Wenn ich etwas aufgeräumt habe, fühlt es sich in Ordnung an, dass es jederzeit zu Ende sein könnte. Dann wäre es okay. Das ist ein glückliches, ein waches Gefühl, das Gegenteil von Lebensmüdigkeit: bereit sein zu sterben, weil alles in Ordnung ist. Aber das kommt selten vor: Wie mein Schreibtisch und die restliche Wohnung wird das Leben immer wieder unordentlich. Deshalb bin ich die meiste Zeit mit der Unordnung beschäftigt und keineswegs bereit zu sterben. Aber mich daran zu erinnern, dass es jederzeit so weit sein kann, hilft beim Aufräumen.

Man sollte nur sterben, wenn man aufgeräumt hat. Wenn es sich richtig anfühlt, da zu sein. Und es sollte niemand getötet werden. Ich sage das zur Straßenfegerin, zur Straße und zum Caligula-Club-Schild „Sex ab 89 Euro“. „Es sollte niemand töten. Es sollte niemand Präsident werden, den nichts Anderes als sein eigener Arsch interessiert. Es sollte niemand seine Dienstleistungen verkaufen müssen.“ Ich könnte noch ewig so fortfahren, aber die Straßenfegerin hat ihren Eistee ausgetrunken, wischt sich den Mund ab und unterbricht: „Warum nicht?“ „Weil es verdammt noch mal nicht sinnlos ist zu leben.“ „Verdammt noch mal sagt man nicht.“ „Es ist nicht sinnlos.“ „Das kommt darauf an.“ „Nein. Es kommt nicht darauf an. Nur die Frage nach dem Sinn des Lebens ist sinnlos. Solange es den Tod gibt, ist das Leben nicht sinnlos. Wenn es nur den Tod gäbe, dann wäre es sinnlos, ein sinnloser Gedanke von Toten.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Angeblich hat Caligula kurz bevor er starb gesagt. „Ich lebe immer noch.“ Ich. Als wäre sein Noch-Leben das einzige, das auf der Welt zählte. Gefangen in seinem aufgeräumten Gehirn wie Trump in seinem von Dienstboten aufgeräumten und von Straßenfegerinnen umlagerten Turm.  Mich friert. Der Bärtige und die Hochhackige sind außer Sicht. Die Straßenfegerin nickt mir zu, verlässt den Laden, schlurft weiter. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei.

Trumpturmismus hin oder her, wir leben weiter, in glücklicher Hilflosigkeit. In unserem zweifelhaften Dazwischen. Wollen wir. Tief einatmen. Den Bus endlich erspähen. Die feuchte Zeitung der Straßenfegerin verstauen, durch den Regen schaukeln.

Es muss alles seine Ordnung haben, wenigstens in den Buchstaben muss eins aufs andere folgen, es kommt immer irgendwann ein Bus, und irgendein Satz wird sich immer finden.

Wenn ich sterbe, möchte ich warme Hände und Füße haben.

Katharina Körting

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