freiTEXT | Jacqueline Krenka

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Der Punkt

Das ist er also. Dieser eine Punkt, dessen Existenz du weder jemals bedacht noch für möglich gehalten hast. Ob erreicht oder überschritten spielt hier keine Rolle. Dieser eine Punkt, an dem dein Herz so sehr gebrochen ist, dass es keine Gefühle mehr fassen kann, nicht einmal die Schlechtesten. Liebe und Hass, Freude und Trauer, Hoffnung und Schmerz. Sie alle rinnen durch die Risse, schneller noch als Wasser durch ein Sieb. Zurück bleibt ein pochender Muskel, dessen einzige Aufgabe bloß noch darin besteht, einen freudlosen Körper am Leben zu erhalten. Ob er will oder nicht, woher soll er es denn wissen? Er fühlt es ohnehin nicht.

An diesem Punkt läuft eine Träne über dein Gesicht und du fragst dich, ob sie ein Zeichen deiner zurückkehrenden Gefühle sein könnte. Doch dann bemerkst du, dass du bloß vergessen hast, zu blinzeln, als du in Gedanken versunken an die Wand starrtest. Du erinnertest dich an frühere Zeiten, daran, was für ein glücklicher Mensch du damals warst, wie herzhaft du gelacht, genossen, gelebt und geliebt hast. Du wischt die Träne weg, fokussierst deinen Blick und fragst dich kurz, wann du dich selbst verloren hast. An welchem Punkt.

Jacqueline Krenka

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