freiTEXT | Esther Nowy

Erwin und Erna

Sein Nacken verkrampfte sich, als Erna wieder zu meckern begann. Wenn du früher aufgestanden wärst, dann wären wir früher im Supermarkt und müssten dann nicht so lange an der Kasse warten. Erwin verdrehte die Augen und ging schneller. Aber du musstest gestern ja wieder ewig diesen Müll im Fernsehen anschauen und ich kann dann nicht einschlafen. Erwin atmete tief aus, nahm einen Einkaufswagen und betrat den Supermarkt. Die frischen Semmeln dufteten und er griff nach einer Zehnerpackung. Immer nur Weißbrot, Weißbrot, Weißbrot… Du weißt aber schon, dass du dann wieder ewig am Thron sitzen wirst? Daneben liegt doch ein wunderbares Vollkornbrot, nimm das! Erwin reagierte nicht, er dirigierte seinen Einkaufswagen weiter Richtung Obst- und Gemüseabteilung, um eilig daran vorbei zu fahren. Das kann jetzt aber nicht dein Ernst sein, jammerte Erna. Nicht einmal ein Apfel? Wenigstens eine Banane? Erwin ignorierte sie und fand sein Ziel in der Getränkeabteilung. Der Wodka ist billig, dachte er, und sofort fiel im Erna ins Wort: Alkohol macht Birne hohl! Ist das mein Körper oder deiner, dachte er grantig, dann legte er zwei Flaschen von dem Schnaps in seinen Wagen. Ich bekomme immer so Kopfweh von deinem Fusel, beklagte sich Erna. Erwin stöhnte laut auf und legte eine Flasche Eierlikör neben die beiden Wodkaflaschen. Hier hast du deine Vitamine, Erna. Sie war sprachlos. Das passierte nicht oft, seit Erna vor einem Jahr von uns gegangen ist.

Erna und Erwin waren 58 Jahre lang miteinander verheiratet. Nach dieser langen Zeit konnten es sich beide nicht mehr vorstellen ohne einander zu sein. Als bei Erna Krebs diagnostiziert wurde, gab es für Erwin keine Diskussion. Sie sollte für immer bei ihm sein. Er verabschiedete sich von seiner Frau an ihrem Krankenbett. Bis später, rief sie ihm nach. Einige Stunden später wachte Erwin mit einem gewaltigen Brummschädel auf. So schmerzhaft hatte er sich das nicht vorgestellt. Erwin, wach auf, wach auf, rief Erna aufgeregt. Das Leben geht weiter!

Ernas Leben ging tatsächlich weiter, aber Erwin kam es inzwischen so vor, als wäre seines vorbei gewesen, als es sich Erna in ihm gemütlich gemacht hatte. Früher hatte er sich nicht vorstellen können, ohne sie zu sein. Jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher. Nie war er allein, niemals. Egal, ob er auf der Toilette saß und den Playboy las oder unter der Dusche seine natürlichen Bedürfnisse befriedigen wollte. Noch anstrengender waren die ständigen Besuche ihrer Freundinnen und Verwandten bei denen Erwin das Sprachrohr für Erna spielen musste. Erna war immer präsent und sie hatte immer was zu sagen. Sie tat ihm nicht ein einziges mal den Gefallen, so zu tun, als ob sie gerade nicht da wäre. Erwin hatte genug, er musste Erna zum Schweigen bringen und wenn es das letzte wäre, was er täte.

Esther Nowy

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