freiTEXT | Christina Gumpinger

Ich holte meine Stiefel aus dem untersten Regal. Band sie zu und zog meine Jacke an. Nahm den Schlüssel vom Brett und schloss die Tür hinter mir. Draußen war es kälter als erwartet. Ich schloss die Jacke bis oben hin und vergrub mein Kinn darin. Ich ging Richtung Straße und bog auf den Weg hinab zu den öffentlichen Toiletten, vorbei daran, hin zum Kreisverkehr und vorbei an den Müllcontainern, bis ich endlich auf der langen Geraden war. Meine Füße waren bereits in dem Automatismus gefangen, der sie immer fort, der Straße entlang, trug. Ich fühlte bereits die Kälte, die leicht an meinen Wangen streichelte. Ich zog die Haube noch etwas tiefer ins Gesicht und legte das rechte und linke Haarbüschel schützend um meine Ohren und den Hals. Meine Füße trugen mich immer weiter fort. Sie trugen mich auch ohne mein Zutun. Meine Willenskraft und die Kontrolle über meinen Körper erschlafften langsam. Dieser war nun fest eingebunden in einen regelmäßigen Rhythmus. In eine Bewegung, die so natürlich war, dass sie mir nichts abverlangte. Sie trug mich vorbei an Landschaften, die ich seit Jahren kannte, die mir aber doch immer wieder neu erschienen. Ein Land, das brach lag, ungeschützt. Wie ich, dachte ich. Risse durchzogen die Erde und halb geschmolzene Schneehaufen hatten zu vereisen begonnen. Trotz der Sonne war es kalt. Noch immer Winter, nicht schon Frühling, wie manch einer sagte. Das Gras neben mir, verbraucht, bräunliches Grün. Ungeschützt gegen Wind und Wetter. Nur wenige Häuser durchbrachen diese Leere.

Wenn man es von oben betrachten würde, ob es dann aussehe wie eine Landkarte meines Herzen? Ein, zwei, drei Lichter in einer weiten Fläche. Täler, Berge, Hänge, Abhänge, auslaufende Straßen, Schotter und Erdhügel. Inmitten ein, zwei Lichter, die leicht flackerten. Schwach und kümmerlich.

Verstümmelt sah sie aus die Landschaft. Obwohl man hier am Land, wohl freier von menschlichem Einfluss war. Verstümmelt war sie jedoch trotzdem. Wenn nicht vom Menschen, dann von Wind und Wetter. Dem Regen, der alles unter Wasser setzte. Langsam und langsam, bis sich Pfützen bildeten, die irgendwann zu kleinen Seen wurden, in denen das Gras leise ertrank. Der Schnee, der alles zudeckte, es bewahrte. Das Eis, das die Erde entzweibrach, von Rissen durchzogen, aufgesprungen an scharfen Kanten. Die Sonne, die es trocknete und die scharfen Kanten zu Waffen brannte, die das Gras erwachen lies, bis kein Tropfen mehr zu sehen war.

Christina Gumpinger

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One Comment

  • Prager666 Antworten

    Ausgezeichnet geschrieben, würde von der Verfasserin gerne mehr lesen.

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