freiTEXT | Alisha Gamisch

Kurz davor

Ich hab mich mal umgeguckt, ich glaube, wir sitzen am Rande einer Eingebung und bleiben da sitzen. Es ist extrem wichtig, dass wir weiterkommen, das weiss ich schon, aber es fühlt sich an, als ob wir sitzen, die ganze Zeit sitzen, dass da nichts passiert. Das hab ich mich gestern auch schon gefragt, wie wir hier alle sitzen können und doch auf nichts kommen. Der Versammlungsraum ist echt schön, haben sie diesmal gut ausgesucht, ganz alt und so, ich finde auch diese Bauxästhetik richtig schön, alles ein bisschen heruntergekommen, da klingt es drin wie frisches Heu. Nur die Luft ist nicht gut, mittlerweile richtig stickig hier drin. Ich drehe mich mal eben unauffällig auf die Seite und schaue, was meine Nachbarin, ich glaube sie heißt Amil, da macht. Sie schaut total aufmerksam und bewegt sich keinen Milimeter, ich glaube, sie blinzelt nicht mal. Sie hat so ein perfektes, nicht zu schickes Hemd an, das gleichzeitig intellektuell wirkt, so was imponiert mir immer, weil ich Kleidung selbst nie so drapiert bekomme, dass ich ausstrahle, wie ich nach außen wirken möchte. Amil sitzt da auf jeden Fall ziemlich selbstsicher in ihrem Hemd, das bestimmt genau das ausdrückt, was sie ausdrücken will und ich glaube, sie hat sich jedes Wort gemerkt, das gesagt wurde, sie hat ihren einen schlanken Fuß lässig auf ihrem anderen Knie abgelegt, zumindest sieht es lässig aus, und schreibt jetzt was in ihr Notitzbuch. Ich hab gar nichts mitbekommen. Die Sprecherin hat etwas von Aktionsbündnis geredet, das hab ich aus dem Augenwinkel gehört, aber ich weiss überhaupt nicht mit welchen Leuten oder hat sie vielleicht eine verbündete Gruppierung gefunden?  Ich versuche zu lesen, was auf Amils Notizblock steht, ist aber viel zu klein. Neben mir, auf der anderen Seite sitzt Lenn, sie kann gar nicht mehr, glaube ich, ganz anders als Amil ist die. Sie hat ganz dunkle Augenringe die sind fast so tief wie der Graben, der sich zwischen mir und meinen Freundxn aufgetan hat seit ich hier beigetreten bin. Ich weiss, dass das hier anonym sein soll, dass das ganz geheim ist, aber meine Freundx haben trotzdem was gemerkt, ich glaube, sie wissen nicht ganz was genau hier läuft, aber sie sind auf jeden Fall nah dran. Lenn reibt sich die Augen und legt ihren Kopf nach hinten auf die Lehne ab, ihre Augen sind zu, ich stubse sie kurz an, damit sie aufwacht, aber nichts geschieht, ich glaube sie schnarcht leise. Okay, wir sitzen einfach schon zu lange hier. Ich melde mich jetzt. Die Sprecherin nickt mir zu. Ich frage, Wex ist für eine Pause? Die Runde sieht mich erstaunt an. Ich kann an ihren Gesichtern ablesen, dass ich nicht die einzige bin, die sich das schon lange wünscht. Aber Markus, eine vom Kommitee, räuspert sich kurz und lässt die Runde ruhig werden. Wir sind gerade doch bei so einem wichtigen Punkt, sagt sie, ich habe das Gefühl, dass wir kurz vor einer Lösung sind. Wenn wir jetzt in die Pause gehen, dann war alles umsonst. Ricky, die wie Markus zum Kommitee gehört, nickt zustimmend. Dann nicken noch ein paar andere. Ich hab schon sowas geahnt, aber es ärgert mich trotzdem, dass auf mich hier nie gehört wird. Sollen wir abstimmen? fragt Ricky in meine Richtung, aber ich schüttele den Kopf. Ist schon gut. Dann schlafen eben alle hier ein und können ihre Gedanken nicht sammeln und wir bleiben noch die ganze Nacht wach, wenn die meinen. Aber ich sage nichts, ich habe hier eh schon so einen Status, dass ich zu  wenig engagiert bin. Da sagt Amil auf einmal ziemlich laut in die Runde: Also ich finde, dass sie recht hat, wir kommen so zu nichts, die letzten zwei Stunden drehen wir uns im Kreis, sind kurz davor, und dann drehen wir uns wieder im Kreis. Meiner Meinung nach sollten wir einen Locationwechsel in Erwägung ziehen, das kann sich positiv auf das Denkvermögen auswirken. Stille – ich bin richtig erschrocken – alle schaun auf mich und Amil. Und zwischen uns hin und her. Na gut, also ist doch mal jemand auf meiner Seite. Ricky sagt was, die Köpfe drehn sich dominoartig einer nach dem anderen von uns weg, zu ihr hin. Ricky sagt, dass es okay ist. Dass wir nach draußen gehen, dort machen wir zwar keine Pause, aber weiter und zwar im Stehen. Das hilft uns bestimmt auf die Sprünge. Ich schaue Amil an, die gar nicht in meine Richtung schaut, aber ich bin richtig froh, dass ich eine Pause vorgeschlagen habe, und alle sich nicht getraut haben mir zuzustimmen, nur Amil. Ich schüttele Lenn so lange bis sie aufwacht. Alle sind etwas unbeholfen auf den Beinen, nicht nur Lenn. Wir gehen nach einander raus unter so einen Sternenhimmel, den haben wir alle nicht erwartet, jede starrt total perplex nach oben und guckt die Sterne an, ich rieche, wie sie da oben milliardenfach strahlen. Die Luft ist klar schneidend, ich meine, das hätten wir erwarten können. Aber was wir auch nicht gemerkt haben ist, dass wir uns in unseren Kreis positioniert haben, ich sehe das erst, als ich meine Nase von den Sternen wegreissen kann. Jede steht so, dass sie genau zwischen denen steht, neben denen sie auch gesessen hat. Die Sprecherin ist plötzlich sofort wieder am Reden, ich finde das passt jetzt gar nicht zu dem Moment. Da denke ich nochmal dran wie wir so an der Eingebung gesessen haben und wie das da drinnen war und die kalte Luft strömt durch mich durch. Und da hab ichs, da hab ich plötzlich den Rand übersprungen, ich weiss es jetzt. Das ist vielleicht ein tolles Gefühl, dass ich als erste da drauf gekommen bin. Ich sage es jetzt gleich den Anderen. Noch kurz auskosten. Gleich sag ichs. Ich habs! ruft da Markus mit ihrer tiefen Stimme gegenüber von mir. Ich habs auch! ruft Lenn. Ich auch! ruft Ricky ungläubig. Da rufen es alle nacheinander. Ich finde das extrem ungerecht. Amil sagt nichts, wie ich, guckt mich kurz an und schaut dann wieder hoch zu den Sternen.

Alisha Gamish

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