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Engelshimmelhymnenchöre

der karton ist schon wieder nass. Früher hätte ich mich darüber aufgeregt, ich habe mich so viele Male darüber aufgeregt, ich zürnte gegen dieses Wasser, das da immer aus den Regenrinnen, aus den Abflüssen und aus dem Himmel rinnt, aber jetzt, nach so vielen Jahren hier, bin ich damit abgefunden. Die Nässe, die Kälte, die Trostlosigkeit von diesem Ort, der mir früher, vor schon so vielen Jahren, nicht zuzumuten gewesen wäre, ich habe gelernt mich mit ihm zu arrangieren. Es könnte sehr viel schlimmer sein, denke ich, wenn das Wasser wieder durch die kleinen Ritzen über mir sickert, wenn es meinen Schlaf stört oder meine Ruhe, es könnte schlimmer sein. Wenn ich an die ganzen anderen denke, die nicht so ein gemütliches Plätzchen gefunden haben, dann schüttelt es mich vor Mitleid. Ich wünschte ich könnte sie hier aufnehmen, aber es ist zu wenig Platz.

Anscheinend soll die Stadtverwaltung planen, mein Heim zu vergittern, sodass ich wieder raus auf die Straße muss, nach so vielen Jahren. Ein schöner Anblick sind wir sicher nicht. Ein schöner Anblick sieht anders aus. Wir verschrecken die Touristen, die vorbeilaufen und irritieren die fröhlichen Spaziergänger.

Der Regen klopft auf die Straße über mir, die Auto rauschen darüber und zerdrücken ihn, unter mir, nur das Wasserrauschen. Wie viele Liter schon an mir vorbeigezogen sind? Wie viele Liter ich schon rauschen gehört habe? Ich weiß es nicht, in all den Jahren, wahrscheinlich Millionen und Milliarden. Eine so lange Zeit, die mich Luxus, Essen, Trinken, Duschen, Dächer und Wände hat vergessen lassen. Eine riesige Zeitspanne, eine unermessliche Dauer, die ich selbst seit Jahren – ich denke zumindest, dass es Jahre sind – nicht mehr überschauen kann.

Das Wasser rauscht einladend, die Autos brummen an den roten Ampellichtern und ich ziehe meine Decke über die Schultern. Vor Jahren hatte ich für kurze Zeit eine wasserdichte, aber jetzt nicht mehr. Man hat sie mir weggenommen, als sie mein Heim verwüstet haben. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Wenn ich daran denke, dass da draußen so viele Freunde sind, die keine Decke haben, die kein so großes Glück haben wie ich, der sich in seine Decke eingraben kann, dann schüttelt es mich vor Mitleid.

Ich reibe meinen Hals am Deckensaum. Dort ist der Stoff schon ganz abgewetzt und die Fransen, die er zu verhindern versucht hat, kitzeln sanft meinen Haaransatz.

Es tobt der Sturm. Die stolzen Fahnen auf der Brücke flattern bestimmt wieder. Hier unten bin ich vor dem Wind geschützt. Ich spüre aber wie er die Brücke zum Erzittern bringt. Resonanz. Er tobt draußen und ich sitze hier drinnen draußen. Nur ein kleines Lüftlein schafft er hier herein. Ein paar Strähnen meines Haars bewegen sich auf und ab als könnten sie fliegen. Ich denke, dass es jetzt Zeit zum Schlafen ist. Wenn ich aufwache, hat der Wind vielleicht aufgehört, der Regen mit dazu und es scheint die Sonne, die dann in die kleinen Ritzen über mir stolpern wird und mich weckt. Mit den zukünftigen Sonnenstrahlen auf den Wangen, schließe ich die Augen. Es ist still, wenn man vom Lärm absieht.

Doch da! Was ist das? Ich höre etwas, ein Geräusch, das ich schon lange nicht mehr hören durfte. Kein Geräusch, nein Gesang. Warum höre ich Gesang? Wer singt? Es sind viele. Es ist ein Chor. Immer klarer wird der Gesang. Er überdeckt das konturlose Rauschen des Wassers und der Autos. Die Brücke schwingt mit ihm.

Mein Ohr liegt am Brückenstein. Ich habe es da abgelegt, weil mir sonst so heiß ist unter der Decke. Obwohl die Luft vom Regen kalt ist, heizen die Autos über mir ein und ich will nicht wieder verschwitzt aufwachen, aber da dann plötzlich: Gesang, den ich höre. Kommt er aus dem Stein? Es scheint so. Aber es ist wahrscheinlich anders, als es scheint. Warum sollte der Gesang aus dem Stein kommen? Ist da vielleicht ein Keller unter mir oder neben mir? Ein Chor der in der Kanalisation steht? Warum sollte ein Chor in der Kanalisation stehen? Ich drücke mein Ohr an den Stein, er ist rau und porös. Ich will hören, was sie singen und wie sie singen, aber, obwohl es so laut durch den Stein klingt und dabei alle anderen Geräusche überdeckt, kann ich nicht verstehen, was sie singen. Auch nicht, wie sie singen. Ob es ein mehrstimmiges Lied ist, ob es auf- und abgeht mit den Tönen, all das ist mir unbekannt. Wie viele Leute singen? Wie viele sind es? Zwanzig, vielleicht oder nur zehn, könnten auch fünf sein oder auch nur einer, der direkt gegen die Wand singt.

Ich erinnere mich, dass auch ich in einem Chor gesungen habe. Jeden Mittwoch haben wir uns im Hinterzimmer von einer schlummrigen Kultbar getroffen und geprobt. Keine Auftritte im Sinn, keine Berühmtheit, keine Zuhörenden, keine Bewunderung. Wir hatten nur das Singen im Sinn. Wir waren nicht an die Kirche gebunden, nicht an die Universität oder an sonst etwas. Vor der Öffnung der Bar war es uns erlaubt zu singen und niemand störte sich daran. Wer ist wir? Ich kann mich nicht erinnern. Enge Freunde und Freundinnen, die schon seit Langem vom Staub und Dunst, vom Hunger und von den Abgasen bedeckt sind. Staubige Gestalten aus einem anderen Leben, das vielleicht besser gewesen ist, aber höchstwahrscheinlich nur auf eine andere Weise schrecklich.

Der Stein bringt meine Ohrmuschel zum Schwingen, sie schwingt mit ihm. Sie vibriert mit dem Gesang. Ich drücke sie fester daran, um Details hören zu können und nicht nur Etwas. Gesang, das kann ich mit Sicherheit sagen. Mein Kopf ist jetzt so nahe an der Wand wie nur möglich. Mein Ohr wird zerdrückt, aber ich kann noch immer nichts Genaues hören. Nur, dass es Gesang ist. Gesang aus der Tiefe.

Ich richte mich auf, so werde ich nie verstehen, wer singt und was gesungen wird. Ich befreie mich von der Decke und die Kälte dringt in meine verschlissene Kleidung. Ich setze mich auf und nehme meinen braunen Mantel, der mir seit Jahren als Polster dient. Ich rücke geduckt nach vorne und springe aus meinem Loch auf den Gehsteig. Der Aufprall ist hart. Meine alten Knochen quietschen, weil sie so spät noch in Bewegung gebracht werden. Sie beschweren sich bei mir, aber ich kann nicht auf sie hören. Der Gesang ist das einzige, ihm meine Aufmerksamkeit.

Klar und undeutlich. Ich bin mir sicher, dass ich ihn mir nicht nur einbilde. Hier auf dem Gehsteig kann ich klarer sagen, woher er kommt. Er kommt von unten aus dem Asphalt. Ich muss tiefer. Weiter nach unten. Meine Augen und Ohren sind angespannt. Ich schaue mich hektisch um. Da geht ein Pärchen, unter einem Regenschirm vereint. Als sie mich erblicken, schrumpfen ihre selbstzufriedenen Gestalten zusammen. Sie haben Angst vor mir, aber das bin ich gewohnt. Blicke, die nirgens Ruhe finden, mein Gesicht, zu dreckig, agressiv, mögen sie denken, einfach auf den Boden zu schauen, auch das verdächtig. Seit Jahren wenden sich die ab, geistig, während ihre Blicke hektisch herumirren, die einst meine Freunde hätten sein können, aber das ist mir egal geworden. Vor allem jetzt ist es egal. Jetzt zählt nur der Gesang, der aus der Tiefe dringt. Das Pärchen hastet vorbei. Ängstlich, als würde ich ihnen jeden Moment ein Messer in die Seite stechen. Ich warte bis sie verschwunden sind. Den steilen Gehsteig hinauf, auf dass ich sie nie wieder sehen muss.

Nachts ist die Böschung hinter dem Weg fast unsichtbar. Das Wasser wirft seinen Schein und bloß die Konturen kann ich erkennen, ein Weg, dort, das weiß ich, doch schließlich ein unsichtbar gemacht.. Tagsüber steige ich oft über das Geländer und tripple die Böschung hinunter, weil ich mich im Fluss waschen oder meine Wasserflasche auffüllen will, aber nachts habe ich den Abstieg dort hinunter immer vermieden. Ich habe Angst vor dem dunklen Wasser. Angst, hineinzufallen und von der Strömung mitgerissen zu werden, dass sie mich dann finden als aufgedunsene Sandlerleiche. Doch jetzt springe ich über das Geländer, ohne zu zögern, meine Angst unterdrückend, keinen Platz gebe ich ihr. Meine alten Knochen geben wieder ein Knarzen von sich. Ich ignoriere sie. Um nicht in die Schwärze zu fallen, umfasse ich mit dem Aufprall das Geländer. Wassertropfen rinnen von oben an meinem Arm entlang und in meine Kleidung hinein. Ein Frösteln überkommt mich, aber auch das zählt jetzt nicht. Es zählt nicht, ob mich die Kälte wieder so furchtbar krank macht. Ich tapse zu dem dicken Rohr, das nur selten Wasser speit, wo ich immer meine Flasche auffülle. Es ist so dunkel, dass ich meine nächsten Trittpunkte kaum berechnen kann. Vorstellungen davon, oftmals unzutreffend. Knarzen der Knochen. Die Schiefe schmerzt. Ich komme ihm näher.

Auf dem Abflussrohr habe ich wieder geraden Boden unter den Füßen. Das Blut pocht mir in den Ohren. Ich muss mich kurz ausruhen, Luft schnappen. Vor mir das Wasser in den Fluss, es ist grau, die Abflüsse sind in ihm vereinigt. Regen prasselt über mir auf die Straße, die Autos fahren immer noch wie wild auf und ab, hornissengleich und hektisch dröhnend. Dumpfer, dann heller wie Insekten, die an mir vorbeifliegen. Aber genauso unwichtig wie diese, sind auch jene. Ich habe das Gefühl, dass ich plötzlich – ohne zu wissen, warum und wie – etwas Wichtigem auf der Spur bin. Mein Herzschlag, die Trommeln in mir haben sich beruhigt. Der Gesang, sie waren wie die Schlagzeuguntermalung. Mein Atem ist wieder ruhig geworden. Der Gesang ist jetzt noch lauter, aber nicht klarer. Ich weiß, dass er aus dem Rohr kommt, mit all dem wertlos gemachten Wasser und den Abfällen.

Ich springe noch einmal hinuter auf die hohlnadelförmige Innenseite des Rohrs. Wasser umschließt meine Füße. Die Krankheit, die ich mir dabei zuziehen könnte – ich verschwende keinen Gedanken an sie. Ich bücke mich – die Knochen – und stecke meinen Kopf hinein. Das Wasser, das neben meinen Ohren rauscht, kann den Gesang, der jetzt wieder um ein Stück lauter geworden ist, nicht überdecken. Ich bin mir sicher, dass er aus diesem Rohr kommt. Ich taste mit meinen Fingern in die Dunkelheit und erwarte das Gitter, an das ich mich oft lehne, wenn es sonnig ist. Doch meine Hand findet es nicht. Ich strecke mich. Vielleicht ist weiter hinten, als ich mir einbilde. Aber auch weiter hinten ist kein Gitter. Es ist verschwunden. Vielleicht haben sie es abmontiert aus den üblichen Gründen.

Ich ducke mich zusammen – wieder die Knochen. Meine Hose wird nass. Wie jemand, der einen Zwerg zu imitieren versucht, wackle ich in das Rohr hinein. Es ist jetzt vollkommen dunkel. Nur der Gesang, die Wände und das gegen meine Beine schwappende Wasser schaffen Orientierung. Mir fällt ein, dass ich Zündhölzer in meiner Hosentasche habe. Ich krame sie umständlich heraus, entfache eines, doch die vom Wasser mitgetragene Luft bläst es gleich wieder aus. Obgleich nur für einen kurzen Moment Licht durch das Rohr und auf das, was dahinter liegt geschlackert ist, habe ich jetzt ein Bild davon, wohin ich gehe, das im Finster auf der Netzhaut klebt: Etwa fünf Meter noch zieht sich das Rohr gerade aus. Dann kommt etwas anderes, ein größerer Raum. Ich drehe meinen Kopf und sehe hinter mir das aufgebrachte Wasser im Schein der Stadt. Die Autos höre ich jetzt nicht mehr. Alles ist schwarz. Weiter vorwärts tasten, zur Quelle des Gesangs, denke ich. Lauter und Lauter wird er, je weiter ich mich zum Raum hinter der Enge vortaste. Ich zwänge mich durch, das Rohr wird enger und enger. Alles ist schwarz. Ich muss anfangen zu kriechen. Das Wasser, der Abfall umschleusen meinen Körper, umschlingen ihn. Meine Kleidung wird nass und nässer, durchweicht sich mit der schmutzigen Gischt der abwärtsziehenden Flut. Alles ist schwarz. Der Raum kann jetzt nur mehr wenige Zentimeter entfernt sein … aber es so eng. Ich zwänge mich weiter. Die Enge schmerzt meine Hüften. Der Beton des Rohrs reibt meine Kleidung ab. Meine Finger tasten nach vorne in die Schwärze. Ich spüre das Ende des Rohrs und die Wände des Raums. Ich umfasse die rauen Kanten und ziehe mich vorwärts. Das Wasser füllt immer mehr vom Rohr aus. Ich halte meinen Kopf hoch und ziehe ein letztes Mal. Mit dem Gesicht voran stoße ich in den schwarzen Raum. Der Gesang er wird noch lauter. Ich höre ihn jetzt deutlich und kann etwas verstehen, einzelne Wörter, die aber sofort wieder aus meinem Kopf gedrängt werden vom Wasser, das meinen Oberkörper nach hinten drängt. Mein Kopf – ich kann ihn nicht weiter oben halten. Ich stemme mich gegen die Wände, aber meine Hüfte, sie ist zu breit. Sie steckt fest. Meine Nackenmuskeln können nicht mehr. Ich rüttle mit der Hüfte und winde mich. Trommelschläge in meinen Ohren, Herzpochen durch meinen adrigen Hals in vollkommener Finsternis … Ich kann ihn nicht mehr oben halten. Die Armmuskeln versagen, sie können nicht mehr rütteln. Der raue Beton bohrt seine abstehenden Spitzen in meine Hüfte. Nur der Kopf hält sich noch mit letzter Kraft aus dem steigenden Wasser in der Dunkelheit. Doch es geht nicht mehr. Er kann nicht mehr und erschlafft. Die angestrengten Lungenflügel nehmen die Fluten gierig auf. Ein tiefes Einatmen. Der Kopf – er schafft es ein letztes Mal aufzusehen und da ist plötzlich Licht. Auf einem kleinen Tisch, steht ein altes Radio, das ein altes Lied spielt, klar und deutlich. Nur ein altes Radio, nur ein altes Lied.

 GE

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit.
Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen.

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