21 | Maria Köchler

Adventmosaik_Illus-21 Kopie

Martins Entdeckung

Die Tür zum Dachboden quietscht leise. Staub wirbelt auf und bildet sich in dem fahlen Licht zu einem lebendig wirkenden Bündel. Martin hält kurz inne und saugt den Geruch nach Altem und Geheimnisvollem in sich auf. Er liebt es, hier herauf zu kommen und die ausrangierten Sachen seiner Eltern und Großeltern zu durchwühlen. Besonders jetzt im Herbst, wenn er das Gefühl hat, den Novembernebel in jedem Winkel des Dachbodens zu spüren.

Seine Schwestern nimmt Martin nie mit auf seine Dachbodenreisen, das ist sein Reich. Heute hat er Lust, es sich besonders spannend zu machen: Er begibt sich in die hinterste Ecke, wo kaum Licht durchdringt und wo die Kisten hinter den großen Kästen kaum sichtbar sind.

Mit bedeutungsschwerem Geschichtsausdruck holt Martin tief Luft und bläst den Staub von der ersten Truhe. Er liebt dieses Ritual und zelebriert es jedes Mal mit Inbrunst.

Die Scharniere der Truhe sind etwas eingerostet und wehren sich, doch Martin ist stark genug, um den Deckel dennoch zu öffnen. Ein Hut fällt Martin als erstes ins Auge. Der muss seinem Uropa gehört haben. Mit ein bisschen Fantasie kann Martin sogar noch einen leichten Heugeruch an dem Stoff erahnen.
Er setzt ihn auf und widmet sich wieder dem Inhalt der Truhe: Alte Kleider und Halstücher liegen ordentlich zusammengefaltet darinnen, auch ein Paar Schuhe entdeckt Martin, aber nichts, was ihn hätte begeistern können. Er hat auf eine spannende Entdeckung gehofft, zum Beispiel ein uraltes, unfassbar wertvolles Schmuckstück. Enttäuscht will Martin den Deckel wieder schließen, doch da fällt ihm etwas auf: Obwohl der Deckel außen gewölbt ist, schließt er an der Innenseite ganz flach ab. Da muss also noch ein Hohlraum dazwischen sein!

Jetzt ist Martin wieder ganz bei der Sache, er klopft vorsichtig auf das Holz – und tatsächlich: Es klingt ganz hohl. Vorsichtig übt er auf einer Seite mit zwei Fingern Druck aus. Nichts rührt sich. Martin drückt ein bisschen fester und plötzlich beginnt das Holz nachzugeben, bis sich die Platte schließlich vom Deckel löst und er sie bequem aus dem offenen Deckel herausnehmen kann. Kurz regt sich ein schlechtes Gewissen bei Martin, aber das verdrängt er schnell wieder. Viel wichtiger ist das Büchlein, das irgendwie verloren in der Wölbung liegt. Martin nimmt es heraus und öffnet es ganz vorsichtig.

“Mariana Rosa Hörmayr, 1872″ steht in schwarzer Tinte und schmuckvoller Schrift auf dem ersten Blatt. Wer kann das sein? Martin überlegt… Das muss eine Vorfahrin seiner Mutter sein. Neugierig beginnt er, das Buch zu durchblättern. Jede einzelne Seite ist beschrieben und mit einem Datum versehen. Martin betrachtet die Zeilen genauer: Das ist kein normales Tagebuch. Das sind Gedichte! Er kann die Bedeutung der Worte nicht ganz erfassen, aber er spürt, dass sie tief aus dem Herzen seiner Ahnin kommen… Und das bringt Martin auf eine Idee: Der Advent steht fast vor der Tür und in diesem Jahr wird er seinen Eltern einen Adventkalender gestalten, nämlich aus genau den Gedichten, die er gerade in seinen Händen hält. Jeden Tag wird er ihnen eines davon geben und am Heiligen Abend kann er ihnen dann das ganze Buch überreichen. Er freut sich schon jetzt darauf…

Maria Köchler

Wer wissen möchte, was das Buch enthält, kann Martins Adventkalender durchstöbern.

Das Advent-mosaik, dein literarischer Begleiter durch die Vorweihnachtszeit. Täglich darfst du ein neues Türchen aufmachen. Und uns natürlich auch dein Türchen-Material zukommen lassen. =)

 

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