12 | Susanne Rzymbowski

Traumfänger 008

 „Schon wieder nichts! Ich weiß langsam nicht mehr was ich machen soll“, murmelte sich Traumfänger 008 in den Bart nach einer langen Nacht, die so schwarz, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sah.

Auch diesmal blieb sein Käscher leer, den er sich nun auf die Schulter packte und sich mit schweren Schritten im beginnenden Morgengrauen zurück in sein Traumschloss begab, wo nun schon der Putz abzublättern begann und der ehemals blühende Garten sich in eine Ödnis wandelte.

Was waren das früher doch noch für Jahre gewesen, in denen er vollbepackt nach Hause kam, sein Schloss hell erleuchtet, voller bunter Farben und der Garten so üppig, das er einem Urwald glich. Jetzt starb dieser langsam ab, von all den Monokulturen der vergangenen fruchtlosen Jahre, die 008 eingefangen hatte.

Ja ein Traumfänger hatte in der heutigen Zeit einfach keine Zukunft mehr! Zu gleichförmig die wenigen Fänge, die nicht mehr wachsen wollten.

Schleichend hatte der Prozess begonnen, so dass 008 die ersten Zeichen nicht erkannte, als die Träume begannen immer kürzer zu werden und langsam die Farben aus ihnen verschwanden. Schon die ganzen letzten Jahre musste sich 008 mit einzelnen Graustufen herumplagen, die zusehends dunkler wurden. Nur vereinzelt konnte er noch Beute machen, wenn er sich tagsüber auf den Weg machte, um kurze Sequenzen einzufangen, was recht schwer für ihn war, denn dies erforderte ein blitzartiges Zugreifen, was ihm nicht immer gelang.

Zuerst hatte er begonnen die Einkaufsmeilen abzugrasen, die mit ihren Klängen und bunten Neonleuchten, den ein oder anderen zu einem kurzen Tagtraum verführten, zumindest in den Anfängen. Leider blieb sehr bald auch hier nur noch ein Abschalten und gab für 008 einzig runde durchsichtige Blasen her, die sofort zerplatzten, wenn er seinen Käscher über sie zu stülpen versuchte.

Auch die Staukolonnen, auf die er sich spezialisierte, gaben kaum noch eine Ausbeute. Lag es an den immergleichen Tönen, die aus den Radios drangen oder doch eher an den nicht enden wollenden Telefonaten mit Tastaturgeklapper?

Kein Mensch schien mehr zu träumen. Die Augen waren geradeaus gerichtet und so trüb wie ein umgekippter Teich. Was sollte 008 nur machen? Er fing an in die Bibliotheken zu gehen, die spärlich besucht und erhaschte zumindest dort ein Bündel gelenkter Visionen. Ja, damit musste er sich mittlerweile zufrieden geben! Und selbst die Spaziergänger im Wald waren ausgerüstet mit Stöcken, Walkie-Talkies und Schrittzählern, die ein Verweilen unmöglich machten. Selbst in den Kindergärten fand er keine Träume mehr!

008 wurde über all dies immer trauriger und fing nun selbst an einem Schatten zu gleichen, zumal er nun rund um die Uhr auf den Beinen war, in seinem Bemühen einen Traum zu ergattern.  Auch musste er feststellen, dass es keine Bilder mehr gab, ganz so als ob diese von einer imaginären Hand ausradiert würden.

 Wie sollte 008 in seinem Traumschloss weiter existieren können bei dieser Entwicklung?

Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf und begab sich unter Anstrengung all seiner Kräfte immer wieder auf die Suche. Seinen Käscher bestückte er mit immer feingliedrigeren Maschen, damit selbst der noch so kleinste Traum nicht verloren ging.

Und als ob seine steten Bemühungen und seine Not erhört wurden, begab es sich, dass eine große Sonnenfinsternis sich über das Land legte und Tag und Nacht einfach verschlang, so dass selbst alle Energiequellen zum Stillstand kamen. Es war, als hätte sich ein Schalter umgelegt, der alles Bisherige lahm legte.

Die Menschen waren nun gezwungen ein Feuer zu entfachen, um so schutzlos sich selbst ausgeliefert, ein Licht zu erspähen. Und es geschah das Wunder: Im Prasseln der Glut, im Lodern der Flammen, im Knistern der Kerzen lud es sie wieder zum Träumen ein. Voller Freude und Dankbarkeit entzündete Traumfänger 008 daraufhin ein riesiges Feuerwerk, dass es nur so am Himmel blitzte.

Denn schließlich war es ja seine Aufgabe, das Denken zu bewahren!

Susanne Rzymbowski

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