Sinnesrausch beim Volksmusiksex

„Once upon a time there was a fox… and then (to cut a long story short) a lion came and ate everyone.“ – So oder so ähnlich war die Erzählung von Roni Sagi bei der Eröffnung des zweiten MY Sound of Music – Musikfilmfestivals. Two days are gone, two yet to come. Hoffentlich wird die Erzählung nicht zum Omen für das ambitionierte Projekt.

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Sagi übernimmt von Benoit Pitre, Opernsänger von Beruf. Doch anstatt Don Giovanni zu singen, ist er nur einer von drei Teilen des Eröffnungskonzertes und steht zusammen mit dem mini-Orchester von No Head On My Shoulders unter dem Kommando von Soundpainting-Dirigentin Ceren Oran. Gemeinsam wird eine Collage aus Don Giovanni-Verfilmungen musikalisch begleitet – und eben die mystische Geschichte mit dem Fuchs. Szenenapplaus inklusive.

Once upon a time there was a fox…

Ein Teil der Ausschnitte stammte aus einer der modernsten Verfilmungen des Stoffes: Juan. (Das Screening fand bereits vor der offiziellen Eröffnung am Vormittag statt) Doch auch (oder: insbesondere) im 21. Jahrhundert wird das ausschweifende Leben der Titelfigur zum Verhängnis. Ähnlich ist auch das Schicksal von Marc, dem Titelhelden von Naked Opera, jenem Film, der im Anschluss an die Eröffnung gezeigt wurde, bereits im Voraus besiegelt – auch er läuft (Sex und Luxus inklusive) vergeblich (?) dagegen an.

„Frech und ohne Angst“ wollte man an diesem ersten Festivaltag der klassischen Musik begegnen, wie es im Programmheft steht. „Es geht darum, die Welt mittels Musik zu begreifen“ – der Ansatz ist da und Erkenntnisse können durchaus gewonnen werden. Dennoch überwog am Eröffnungstag die Party. Erleichterung verband sich mit Freude und Überarbeitung zu mehr als einem Achterl mit der Weinprinzessin. Der Aufwand war enorm: Zahlreiche Kostümierte zogen musizierend und werbend durch die Stadt und verwandelten schlussendlich auch Das Kino zu einer barocken Party. Und selbst wenn nur das Bild der Schleppenträgerinnen auf Teppichen in der Steingasse in den Köpfen erhalten bleibt, hat sich etwas getan.

To cut a long story short.

Die Teppiche sind weg, das Festival bleibt. Und was bleibt vom zweiten Tag in den Köpfen? Ein Tag zwischen Menschenrechtsverletzungen und Rap-Battles. Nachdem sich am Vormittag begeisterte SchülerInnen mit Unterstützung von EsRap ihre Meinung an die Köpfe warfen und Ceren Oran bei einem ihrer bereits bekannten Soundpainting-Workshops die Geschwindigkeit etwas reduzierte, wurden am frühen Abend ernsten Themen angesprochen.

In Filmausschnitten zeigte Morag Grant Beispiele von Folter mit Musik. Spannend waren ihre Parallelen von Clockwork Orange (Stanley Kubrick nach Anthony Burgess) oder One, Two Three (Billy Wilder) zum realen Leben: Häufig wurde und wird mit Musik gefoltert. Schlafentzug durch laute Musik (ein Opfer berichtet von monatelang Eminem im Loop) oder erzwungenes Singen und Tanzen während man geschlagen wird. Sogar der Soundtrack von Clockwork Orange selber wurde zur Folter verwendet.

… and then came the lion?

Die Verführungskraft von Musik sei so groß, dass sie imstande ist, „sogar die Besten unter uns“ zu verderben. Sagt wer? Richtig: Plato – und zensuriert sie nicht nur für sich, sondern am liebsten gleich für alle Menschen. Ole Reitov von der NGO Freemuse referierte im Vorhinein über Musik und deren Zensur, hält sich kurz und bleibt bei der Musik, während die Debatte über Folter insbesondere im anschließenden Kurzworkshop zu allgemeinen Menschenrechtsfragen führte.

Schräg und unkonventionell soll MY Sound of Music sein.“ –  das proklamieren die Veranstalterinnen (kein Binnen-I). Und ja, es ist kein klassisches Filmfestival, bei all den Workshops, Konzerten und Um- (bzw. An-) zügen verliert man leicht den Bezug zur Basis. Denn obwohl die ausgewählten Filme grandios sind (statt Syrian Metal is War wurde heute der ebenfalls hervorragende Electro Chaabi gezeigt), sie erreichen nicht ihr Publikum. Während sich nur jeweils eine Hand voll Interessierter zu den Screenings bemühen liegt der Fokus auf den Begleitveranstaltungen.

Dabei ist der Zuspruch größer in diesem Jahr. Der Bekanntheitsgrad ist hoch, die Sympathiewerte ebenfalls – und auch der Besucherschnitt liegt bei Festival-Halbzeit weitaus höher als bei der ersten Ausgabe des innovativen Festivals, das mit seiner Betonung des MY neue Akzente in dieser sich in einer Endlosschleife befindlichen Kulturstadt setzen kann. Hoffen wir auf zwei weitere erfolgreiche Tage und den proklamiterten „Sinnesrausch“ bei der Abschlussperformance Volksmusiksex.

Josef Kirchner

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