Das Salzburg Prinzip

Quadratmeterpreise in Höhe eines Mittelklassewagens, abwandernde Infrastruktur, Abends wird sie zur Geisterstadt. Nein, es geht nicht um Salzburg, obwohl die Analogien auffallen. In „Das Venedig Prinzip“ zeigt der Südtiroler Regisseur Andreas Pichler die rasante Veränderung der Lagunenstadt, das auch zum Beispiel für Salzburg werden könnte. 

Salzburger Festspiele 2013

Zum Markusplatz geht die letzten noch in Venedig wohnenden Menschen um zwei Uhr nachts „wenn er endlich leer ist“. In der nächsten Einstellung erklärt die Stadtführerin, dass der Campo ein öffentlicher Platz zur Versammlung der Venezianer sei – oder eigentlich: war. Die Reiseleiterin meint, sie versuche zwar, seriöse Informationen zu geben, die Besucher wollen sich ihr Traumbild von der Stadt jedoch nicht zerstören lassen.

Mozartkugeln statt Schulkinder

Die Stadt wird jedoch zur Fassade, zum Freilichtmuseum, ähnlich Disneyland, den Touristen überlassen. Doch in einem solchen Traum kann es kein Leben geben: Die Bevölkerung, insbesondere die junge, wandert auf das Festland ab. Auch als Folge der mittlerweile fehlenden Infrastruktur: Immer weniger Märkte, Geschäfte, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen befinden sich in Venedig.

Doch wenn man in Salzburg die Zahl der Schulen, Kindergärten, Geschäfte des täglichen Bedarfs in der Altstadt mit den zahlreichen Verkaufsstandorten von Mozartkugeln vergleicht kommt man auf ein ähnliches Bild. Wer kein Souveniergeschäft besitzt, wandert in das Umland ab. In Venedig pendeln Arbeiter und Studenten jeden Morgen in die Stadt und am Abend zurück aufs Festland; In Salzburg wechseln sich am Wochenende die stadtflüchtenden Studenten mit den landflüchtenden Trinkerhorden.

Ein Abgesang

Die Frage, ob unter den Bedingungen des Massentourismus echtes Leben in der Stadt überhaupt noch möglich ist, dürfen wir uns in wenigen Monaten wieder stellen, wenn sich zu Beginn der Festspiele die Altstadt noch zusätzlich absondert. Neben den Begrenzungen durch Berg und Fluss kommt eine informelle Abgrenzug dazu. Die Altstadt wird zur Insel – mitten in der Stadt. Kunstwerke, die nicht den Geschmack der zahlenden Besucher treffen dürfen ein Dasein hinter dem Europark, zwischen parkenden Autos und Werbebannern finden. Da es (noch) keine Poller für die Selektion von Menschen gibt, ist es uns zwar gestattet, zu passieren, empfehlenswert ist es jedoch nicht.

Wenn Wohnungen in der Stadt zu Spekulationsobjekten oder Feriendomizilen werden und dadurch leer stehen, die Tourismuswerbung aber weiter das Bild der jungen Frau im Dirndl und Mozart in der Altstadt propagiert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Alstadt endgültig verödet. Der Film von Andreas Pichler soll ein Requiem sein, bis 2030, so vermutet man, lebt niemand mehr in der Stadt. In Salzburg warten wir noch auf die Auferstehung – in wenigen Jahren werden aber auch wir den Totengesang anstimmen.

Josef Kirchner

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